Vom guten Staat (24.7.2013)

Wir Deutsche neigen dazu, dem Staat großes Vertrauen entgegenzubringen, mag es gerechtfertigt sein oder nicht. Der Staat wird als die große, unparteiische und gerechte Institution angesehen, ganz gleich, ob Hitler oder Kohl, ob Honecker oder Merkel an der Spitze steht. Zu diesem Zweck wurden die Staaten entwickelt, als Instrument der Volksgemeinschaft. Die Römer hatten dafür den Ausdruck res publica, was mitnichten die republikanische Staatsform meint, auch wenn diese aus jenem antiken Begriff abgeleitet wurde. Res publica sind die allgemeinen Dinge, das, was jeden angeht, das gemeinschaftliche Leben, die öffentliche und staatliche Ordnung.

Wir Deutsche hatten das Glück, daß unser erster Kontakt mit einem Nationalstaat durchweg positiv gewesen war. Betrachten wir das 19. Jahrhundert, so haben wir als letzte Nachwehe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation begonnen. Würzburg war fürstbischöfliche Residenzstadt und das Ausland, die freie Reichsstadt Heidingsfeld, lag gerade einmal fünf Kilometer von der fürstbischöflichen Residenz entfernt. In der Zeit von 1803 (Säkularisation) bis 1815 (Schlacht von Belle-Alliance) herrschte Ausnahmezustand, da haben sich die Franzosen von der unfreundlichen Seite gezeigt. Danach gehörte Würzburg zum Königreich Bayern, die Residenz wurde zum Sitz des Kronprinzen und ins badische Ausland waren es 30 Kilometer Luftlinie.

Ich möchte die Zeit der Reichslosigkeit und des Biedermeiers, 1815 bis, seien wir sehr großzügig, 1870, nicht herabwürdigen. Die Fürsten, Herzöge, Großherzöge und Könige der deutschen Kleinstaaten haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus gute Arbeit geleistet, doch das, was den deutschen Nationalstaat ausmacht, trat erst mit der Reichsgründung 1871 in Erscheinung. Einheitliche Währung, einheitliche Maße und Gewichte, einheitliche Uhrzeit, einheitliche Gesetze - der neue Staat, das Deutsche Reich, schuf aus dem bisherigen Sprachraum einen großen, dynamischen Wirtschaftsraum. Das Reich war eine konstitutionelle Monarchie, eine Demokratie mit echter Gewaltenteilung. Absolut vorbildlich war jedoch das damalige Beamtenwesen, unbestechlich und Gerechtigkeit gegen jedermann übend. Das Reich übernahm das Beste des Preußentums und fügte die guten Eigenschaften aller anderen deutschen Stämme hinzu.

Betrachten wir den Staat theoretisch, dann gibt es grundsätzlich drei Ansätze: Der "rechte" Staat der Manchester-Kapitalisten hat sich so weit wie möglich aus allem herauszuhalten, darf im Extrem noch nicht einmal Polizisten haben, da das private Ordnungsdienste ebenso übernehmen können wie die Gefängnisse. Ansätze dazu finden wir in den USA, wo es sogar private Söldnerarmeen gibt. Allerdings haben die Präsidenten und die Regierungsbürokraten längst zu viel Geschmack am Hineinregieren gefunden, als daß die USA noch ein kapitalistischer Staat wären.

Der zweite Ansatz ist der "liberale", bei dem der Staat alle Aufgaben übernehmen soll, die Privatleuten nicht lukrativ genug sind. Private Krankenkassen versorgen die Reichen und Gesunden, für arm und krank ist der Staat zuständig. Die ICE-Strecken betreibt eine luxuriöse Privatbahn, nach Mittelmietraching und Nordoosterstedt zockelt die Staatsbahn mit der Holzklasse. Die private Post stellt in Großstädten zweimal pro Tag Briefe und Pakete zu, die staatliche Post fährt einmal pro Woche auch die abgelegenste Hallig an.

Der dritte Ansatz ist der "linke", das Volksheim, bei dem der Staat sich um alles kümmert. Im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat sind alle Arbeiter und Bauern beim Staat angestellt, der Volkseigene Betrieb ist ein staatseigener Betrieb, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft ist ein staatseigenes Rittergut. Auch der kleinste Einkaufsladen gehört zur staatlichen Handelsorganisation. Ärzte und Künstler sind staatliche Angestellte. Der Bürger ist in jeder Beziehung auf den Staat angewiesen. Der erste, der dieses Prinzip des Sozialismus beschrieben hat, war übrigens Niccolò Machiavelli.

Wo befindet sich auf dieser Achse die "soziale Marktwirtschaft"? Setzen wir den Manchester-Kapitalismus auf +100 (also ganz rechts), das machiavellische Volksheim auf -100 (ganz links), dann befindet sich der "liberale" Staat bei etwa +30. Die soziale Marktwirtschaft beginnt bei -5, auch wenn sie vorgibt, bei ±0 angesiedelt zu sein. +100 bedeutet, keinerlei Fürsorge, ausschließlich Eigeninitiative, -100 umfassende Fürsorge, bei vollständiger Unterdrückung der Eigeninitiative. Erhard hat bei -5 angefangen, sehr viel Eigeninitiative, jedoch staatliche Eingriffe wie die asymmetrische Währungsreform (Guthaben stärker abgewertet als Schulden) und den Lastenausgleich. Er hatte allerdings auch keine andere Möglichkeit, da die Wirtschaft erst in Gang kommen mußte.

Die entscheidenden Fehler wurden unter Adenauer begangen, der die Erfolge seiner Regierung in soziale Wohltaten umwandelte. Generell führt der Zugriff auf die Geldmittel eines Staates in der Demokratie dazu, sich das Wohlwollen des Volkes und damit die Stimmen der Wähler zu erkaufen. Die soziale Marktwirtschaft triftete zunehmend nach links ab, eine Entwicklung, die heute dazu geführt hat, daß nur noch Sozialistische Einheitsparteien im deutschen Bundestag sitzen. Es gibt keine Meßgeräte dafür, Merkeldeutschland dürfte ungefähr bei -55 angekommen sein, die DDR war bei etwa -65.

Verwechseln Sie die hier benutzten Begriffe "rechts" und "links" nicht mit dem üblichen Dummfug, der gerne darunter subsummiert wird. Der Nationalsozialismus war niemals "rechts", sondern ungefähr bei jenen -25, die Adenauer am Ende seiner Amtszeit ebenfalls erreicht hat. "Nationalistisch" ist eine völlig andere Dimension, auf der sich Hitler in Augenhöhe mit Stalin und Roosevelt befindet. Und mit Churchill, der allerdings, dumm wie Einstein, nicht die Auswirkungen seines Handelns begriffen hat. Er glaubte, das Empire zu stärken und wurde doch dessen Totengräber.

Auch der Faschismus ist nicht "rechts", im Gegenteil, er fordert zwingend eine linke Grundstruktur. Laut Mussolini ist der Faschismus der Zusammenschluß aus Industrie und Politik, heute muß man eher sagen, aus Großkapital und Politik. Auf dieser Basis hat Mussolini ein operettenhaft auftretendes Regime errichtet, das mit staatlicher Fürsorge die Massen in den Bann geschlagen hat. In dieser Beziehung, im pompösen Auftritt, gleichen sich Nationalsozialismus und Faschismus. Die perfekte Inszenierung der Reichsparteitage war ein Gemeinschafts-stiftendes Mittel der Propaganda. Der große Auftritt gehört noch heute dazu, wenngleich er weniger pompös ausfällt. Wenn sich heute G8, G20 oder sonst ein Gremium trifft, wird am Ende das große Gipfelphoto aufgenommen. Und welche Person hat derartige Minderwertigkeitskomplexe, daß sie papageienfarben herausstechen muß? Richtig, Angela Merkel!

Der "rechte" Ansatz, daß Privatpersonen Dinge billiger und effizienter anbieten können als der Staat, hat durchaus seine Berechtigung. Es gibt genug Gegenbeispiele, auf die ich später eingehen möchte. Private Initiativen, auf eigene Rechnung, haben unsere moderne Welt geschaffen. Weltkonzerne wie Siemens oder Daimler-Benz haben als Garagen-Firmen angefangen, noch bevor es Garagen gegeben hatte, als kleine Klitschen, die sich ihre Größe erst erarbeiten mußten. Der kleine Unternehmer, der auf eigenes Risiko arbeitet, ausbeuterisch, egoistisch, dickköpfig, der sich selbst einbringt, mag scheitern, doch oft genug hat er Erfolg und etabliert sich. Auf dieser persönlichen Ebene sind Privatunternehmen besser als alles andere.

Heute sind Siemens und Daimler-Benz milliardenschwere Konzerne, in denen nicht mehr die Eigentümer und Unternehmer, sondern angestellte Manager die Führung innehaben. Mag der Patriarch noch bei +80 angesiedelt gewesen sein, so ist es der Manager eher bei -30. Der Patriarch gleicht Kapitän Edward John Smith der Titanic, der mit dem Schiff untergegangen ist, der Manager eher Kapitän Francesco Schettino der Costa Concordia, der noch vor den meisten Passagieren im Rettungsboot gewesen ist. Edzard Reuter und Jürgen Schrempp haben bei Daimler Benz Milliarden verschleudert, ohne jemals persönlich zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Sie konnten das beruhigt tun, es war das Geld anderer Leute. Und wenn bei Siemens der Vorstand Springprozessionen aufführt, bei denen eine Sparte, die gerade noch unverzichtbar gewesen ist, jetzt verkauft wird, spricht das ebenfalls nicht für die Qualität des Managements.

Wieso ich Manager, die eingesetzt worden sind, um auf jedwede, auch brutale Weise Geld anzuhäufen, auf die sozialistische Seite einordne? Weil dieses "Geld machen" auf sozialistische Weise geschieht! Wenn ein Manager ausschließlich die Quartalszahlen im Auge hat, wird er für den Unternehmenserfolg zu kurzsichtig. Wer die Entwicklungsabteilung entläßt, spart über ein paar Quartale enorme Kosten, verbessert also sein Ergebnis, doch langfristig geht die Firma mangels neuer Produkte unter. Controller und Refa-Fachleute optimieren alle Arbeitsschritte, doch was passiert, wenn die erfahrenen Arbeiter durch den ständigen Druck in den Burn-Out, die innere oder die offene Kündigung getrieben werden? Dann bricht die ach so hochoptimierte Leistung schnell zusammen. Noch besser ist ein erfahrener, aber fachfremder Manager, der Unternehmensberater anheuert und dann auch noch verrückt genug ist, deren Vorschläge umzusetzen. Das geht fast immer schief, da wird Geld verbrannt und Produktivität vernichtet.

Welche Aufgaben soll ein idealer Staat übernehmen? Der ideale Staat ist bei +10 angeordnet, er legt also mehr Gewicht auf Eigeninitiative als auf Gängelung. Der liberale Ansatz bietet eine Ausgangsbasis, jedoch sollte der Staat nicht das übernehmen, was sich für die Privatwirtschaft nicht lohnt, sondern das, was nötig ist, um den Bürgern gleiche Chancen zu geben. Dies erfordert ein staatliches Bildungssystem, ein staatliches Gesundheitssystem und ein staatliches Rentensystem. Polizei, Justiz, Militär - alles wie gehabt. Wie gehabt?

Das Bildungssystem hat den Auftrag, jedem Einzelnen die höchstmögliche Förderung zu geben. Das ist Auslese, nicht Gleichmacherei. Gleiche Chancen heißt nicht Abitur für alle. Gleiche Chancen heißt, daß jeder, der die Fähigkeiten besitzt, das Abitur erreicht. Die Menschen sind nicht gleich, jeder Mensch ist anders, hat andere Fähigkeiten und andere Interessen. Sozialisten planen das Leben des Einzelnen, Rechte überlassen den Einzelnen der "natürlichen" Auslese. Das bedeutet, daß jedem geholfen wird, das für seine Fähigkeiten Optimale zu erreichen. Das bedeutet aber auch, daß ein Arzt das gleiche Ansehen genießt wie ein Zimmermann. Das heißt nicht, daß beide gleich bezahlt werden. Und ja, wer es auf staatlichen Schulen nicht schafft, darf dank des Geldes seiner Eltern private Schulen besuchen. Jeder hat das Recht, seine Kinder mit Bildung zu quälen, die diese Kinder überfordern, wenn er genug dafür bezahlt.

Das staatliche Gesundheitssystem ist für die Allgemeinheit da, jeder bezahlt darin ein. JEDER. Wer Privatpatient werden möchte, kann gerne eine eigene Versicherung dafür abschließen. Zusätzlich, nachdem er seine Pflichtzahlung für die Allgemeinheit geleistet hat. Da der Privatpatient die staatliche Versicherung bezahlt hat, darf er wählen, welche der beiden Versicherungen er nutzen möchte. Er darf nur nicht die staatliche Versicherung anzahlen und die private aufzahlen lassen.

Die staatliche Rente ist unkaputtbar, aber nur, weil sie ein Umverteilungssystem ist. Solange ein einziger Beitragszahler einzahlt, ist die Rente sicher. Selbst wenn ein Rentner aus diesen Beiträgen alle zehn Jahre einen einzigen Cent erhält - die Auszahlung ist garantiert. Die Rente hat aber noch viel mehr Möglichkeiten als das Umlageverfahren. Die Rentenversicherung kann sich an deutschen Unternehmen beteiligen, so der Eigentümer der neuen "Deutschland-AG" werden. Die Gewerkschaften hatten vor vielen Jahren die Wahl zwischen "Mitbestimmung" und "Mitbeteiligung". Die Herren Funktionäre haben den sozialistischen Weg beschritten: Mitbestimmung und damit Pöstchen für die Funktionäre.

Infrastruktur, ob Verkehr oder Kommunikation, ist die Aufgabe des Staates, weil der Staat dafür sorgt, daß auch unrentable Gebiete angebunden werden, nicht nur die profitträchtigen Zentren.

Die wichtigste Aufgabe von allen besteht jedoch darin, den Staat vor den Menschen zu schützen. Wenn Sie nun denken, die Bürger zu überwachen, damit sie nicht gegen die Regierung aufbegehren, sind Sie ein guter Volldemokrat, aber leider auf dem Holzweg. Der Staat muß vor seiner Regierung geschützt werden!

Kein einziger Politiker, ob autokratischer Diktator, absoluter Monarch, oder Demokrat, ist davor gefeit, sich auf Kosten des Staates die Zustimmung und die Liebe der Bürger zu erkaufen. Selbst Bismarck ist diesen Kuhhandel eingegangen. Auch wenn ich gerade selbst seine Sozialversicherungen befürwortet habe, war deren Einführung ein Ruck nach Links auf meiner Skala. Bismarck wollte damit die aufkommende Sozialdemokratie bekämpfen, ihnen das Wasser und die Wählerstimmen abgraben.

Adenauer hat auf Kosten der Rentenversicherung die absolute Stimmenmehrheit bei den Wahlen 1957 erlangt. Kohl hat mit der Rentenversicherung die Zuwanderung der Spätaussiedler bezahlt, und er hat höchstwahrscheinlich Milliarden aus der Rentenversicherung nach Israel verschoben, wofür er "schwarze" Millionen in seine Parteikasse bekommen hat. So ziemlich jeder Kanzler hat irgendwelche Wohltaten aus Staatsgeldern finanziert, um sich Wählerstimmen zu sichern. Die Demokratie ist durch ihre Wahlen die anfälligste Staatsform, um immer weiter nach links zu driften und letztlich zum "demokratischen" Sozialismus zu werden.

Die SPD hat 1959 das Godesberger Programm verabschiedet. Adenauers CDU war damals bei etwa -25 angekommen, die SPD hat sich auf -35 bis -40 gesetzt. Die SPD des Godesberger Programms, die Partei des Jahres 1959, ist rechts von der heutigen CDU angesiedelt. Die heutige Merkel-CDU hat -55 erreicht, die heutige SPD -57, die Grünen -60. Das linke Spektrum ist überbesetzt, eine echte Rechts-Partei gibt es nicht. Ausländerfeindlichkeit, Rassismus, Frauenfeindlichkeit haben nichts, aber auch gar nichts mit "rechts" zu tun, auch "linke" Parteien können diese netten Eigenschaften aufweisen. Es geht bei rechts und links um Freiheit oder Dirigismus, und wir driften immer mehr zum Dirigismus ab.

Jede Regierungsform versucht, immer mehr Macht zu erlangen. Machiavelli hat in seinem "Il Principe" nicht umsonst den rücksichtslosen, mit Allmachts-Phantasien ausgestatteten Fürsten als das Idealbild eines Regenten herausgestellt. Die Demokratie verhindert nicht, daß deren Funktionäre Allmachts-Phatasien entwickeln. Das BRD-Regime war von Anfang an eine Fehlkonstruktion, wenn es darum geht, den Staat vor seinen Regenten zu schützen. Es gibt nirgendwo eine Machtbegrenzung, nirgendwo eine Einschränkung für die Parteifunktionäre, sich krakenartig in alle Bereiche des Lebens auszubreiten. Das Parlament wählt den Regierungschef - der Kanzler hat damit die Mehrheit im Parlament, neben der Regierung kann er somit jegliche Gesetze erlassen. Damit hat ein deutscher Bundeskanzler mehr Macht als das Paradebeispiel für einen absolutistischen Monarchen, Ludwig XIV. von Frankreich! Helmut Kohl hat sich sein Schloß Versailles bauen lassen, es ist ziemlich häßlich und heißt Kanzleramt. Gekostet hat das Gebäude, achtmal so groß wie das Weiße Haus in Washington, 465 Millionen Euro. Und, da es auch dort Pfusch am Bau gegeben hat, mußte es inzwischen schon mal saniert werden.

Die Funktionäre haben gegenüber ihren Parteisoldaten eine Bringschuld. Das heißt, die Herrschaften möchten für ihre Treue belohnt werden. Das geht am besten mit Pöstchen. Dem lieben Franz mal so eben eine Million aus Steuergeldern zustecken, geht leider nicht. Aber ihn auf einen Posten setzen, bei dem er die nächsten Jahre drei Millionen verdient und anschließend noch einmal zwei Millionen Pension einsteckt, das geht. Sinnvolle Arbeit braucht der liebe Franz dabei nicht zu leisten, wir wollen ihn ja nicht überfordern. Mit jedem Posten, den die Demokratie für die Parteien schafft, wird der Staat weiter zersetzt, wie durch eine Würgefeige langsam aber sicher zum Absterben gebracht.

Parteifunktionäre bestimmen, wer als Richter oder Staatsanwalt eingestellt und befördert wird. Somit ist die Judikative ebenfalls "demokratisiert", also in Händen der Parteien. Wer nicht liefert, versauert auf einem unbedeutenden Dienstposten. Nur, wer sich dem Filz hingibt, darf mit Aufstieg rechnen. Das ist eine völlig natürliche Entwicklung, wie bei einem Pilz, dessen Myzel, also sein Wurzelwerk, ebenfalls alles durchdringt, was sich durchdringen läßt.

Eine weitere Gefahr besteht aus "Problemen". Die Demokratie neigt dazu, sich Probleme aus dem Weg zu kaufen. Die meisten Querulanten werden erstaunlich zahm, wenn sie einen Dienstwagen, einen schönen Titel und ein annehmbares Gehalt bekommen. Wer sich unbedingt für Ausländer, Frauen, Behinderte usw. einsetzen will, gründet einen Verein. Wenn er laut genug schreit, bekommt er öffentliche Förderung. Der Zentralrat der Juden in Deutschland profitiert sogar von einem "Staatsvertrag", bei dem Jahr für Jahr Millionen ohne jede Gegenleistung fließen.

Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war gewiß kein demokratischer Staat, es hatte jedoch eine "demokratische" Achillesferse: Der Herrscher wurde gewählt, durch die Kurfürsten. Diese Kurfürsten haben sich die Wahl oft genug bezahlen lassen. Ein paar Rechte, ein paar Ländereien, hier ein kleiner Gefallen, dort ein Privileg... Des Reiches Herrlichkeit entschwand auf diese Weise Stück für Stück. Nach dem 30jährigen Krieg existierte dieses Reich nur noch dem Namen nach fort, über große Macht verfügten die Kaiser nicht mehr. Otto der Große, Barbarossa, Friedrich II. von Hohenstaufen, sie waren Geschichte geworden, ihre Macht dahin.

Genau deshalb muß ein Staat vor den Menschen geschützt werden! Das stärkste Element, das einen Staat schützt, ist der Nationalismus. Mir san mir, wird das auf Bayrisch ausgedrückt. Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt, dichtete Hoffmann von Fallersleben. Da steht nicht, daß Deutschland über die ganze Welt herrschen soll, da wird sogar erklärt, über welche Grenzen Deutschland sich nicht ausdehnen soll. Hier wird die Verpflichtung ausgedrückt, das Wohl Deutschlands über alles andere zu stellen, über die eigene Existenz, über den eigenen Verein, über die eigene Partei. Eine Regierung, die diesen Auftrag ernst nähme, wäre schon allein deswegen eine gute Regierung.

Ich weiß, daß es Leser gibt, die glauben, Deutschland wäre ideal in Adolf Hitler verkörpert gewesen. Nehmen wir an, der zweite Weltkrieg habe niemals stattgefunden oder sei von Deutschland gewonnen worden. Hitler ist trotzdem nicht unsterblich. Wer wird sein Nachfolger? Göring? Goebbels? Himmler? Dönitz? Keitel? Model? Rippentrop? Hitlers Sohn? Es nützt nichts, EINEN Mann an die Spitze zu stellen, der alles richtig macht. Auch ein Treugott Rechtschaffen wird schließlich sterben, und einen zweiten werde ich nicht nachliefern. Friedrich der Große hatte Nachfolger, die sein Format nicht erreicht haben. Nicht einmal die Monarchie ist letztlich eine Versicherung, nur die besten Leute in die Regierung zu bekommen.

Wir können Gesetze erlassen, die es den Regierenden sehr erschweren, sich den Staat einzuverleiben. Die Römer hatten ihre Regierungsämter doppelt besetzt, um sich gegenseitig zu überwachen. Am besten haben damals die Adoptivkaiser funktioniert, bei dem der Herrscher seinen Nachfolger ausgewählt und herangebildet hat. Ausgerechnet der große Philosoph Marc Aurel hat dieses Prinzip wieder aufgegeben und seinen Sohn Commodus als Nachfolger zugelassen.

Die "Reichsidee", verkörpert im "res publica", haben die Römer im dritten Jahrhundert vor Christus entwickelt und etwa bis ins zweite Jahrhundert nach Christus beachtet. Danach haben sie zuerst ihren inneren Zusammenhalt und anschließend ihr Reich verloren. Die attische Demokratie hatte das Scherbengericht, durch das die Wahlberechtigten Politiker in die Verbannung schicken konnten, wenn diese zu "Tyrannen" wurden, also zu viel Macht an sich gerissen hatten.

1871 entstand ein deutscher Staat, mit dem sich seine Bewohner identifizieren konnten. Die Regierung mußte um Mehrheiten im Parlament kämpfen und oft genug gegen das Parlament regieren. Die Beamten hatten ihre eigene, unverbrüchliche Ethik. Die Justiz war unabhängig, weder der Regierung noch dem Parlament und erst recht nicht den Parteien verpflichtet. Ob Linke oder Rechte, damals waren fast alle Nationalisten. Untertan des Kaisers, ja, aber Deutscher.

Im Lauf der Jahrhunderte, der Jahrtausende haben die Staaten zahlreiche Gesetze ausprobiert, um sich vor den Menschen, den Regierenden zu schützen. Sie haben für eine gewisse Zeit funktioniert, bis die Menschen, die Regierenden einen Weg gefunden haben, sie zu umgehen. Nur ein Staat, mit dem sich die Bürger identifiziert, den sie als Angelegenheit Aller betrachtet haben, wurde zum guten Staat, zum Staat, der vor seinen eigenen Regierenden geschützt wurde.

Ja, das ist ein Ziel, doch dieses Ziel läßt sich niemals im Sozialismus erreichen. Der Sozialismus erstickt Initiative, macht streng nach Machiavelli die Untertanen zu Sklaven des Staates. Machiavelli hat an die Spitze seines Staates den geradezu übermenschlichen Fürsten gesetzt, während wir nur das mittelmäßigste Mittelmaß der Demokraten zur Verfügung haben. Der ideale Staat springt nur dort ein, wo es die Menschen nicht aus eigener Kraft schaffen, aber auch erst dann, nachdem sich die Menschen angestrengt haben. Der ideale Staat ermutigt zur Eigeninitiative, ist also rechts auf meiner Skala, gemäßigt rechts. Er spannt jedoch ein Netz, um jene aufzufangen, die strauchelnd, um ihnen eine neue Chance zum Erfolg zu geben. Der ideale Staat macht nicht die Menschen von sich abhängig, denn er ist auf seine Menschen angewiesen. Und er ist darauf angewiesen, daß die Menschen einen gemeinsamen Gedanken haben:

Deutschland, Deutschland, über alles, über alles in der Welt!

© Michael Winkler