Albert (14.1.2009)

Eigentlich fühlte sich Albert sicher, zu Anfang des Jahres 2009. Er wurde zwar nicht großartig bezahlt, doch als Systemadministrator in der Gemeindeverwaltung von Großmietraching genoß er alle Vorteile eines Angestellten im öffentlichen Dienst. Hundesteuer und Abwassergebühren fielen selbst in der Krise an, für die Erhebung benötigte die Gemeinde Computer und die Computer hin und wieder einen helfenden Handgriff durch Albert. So gesehen, dürfte sein Arbeitsplatz absolut sicher sein.

Natürlich gab es unangenehme Nachrichten. Daimler hatte seine Belegschaft in vorgezogene Weihnachtsferien geschickt und begann jetzt, nach deren Ende, mit Kurzarbeit. Sicher, in Deutschland hing jeder sechste Arbeitsplatz von der Autoindustrie ab, die Kriege in Gaza, in Afghanistan, im Irak, die ständigen Scharmützel in Afrika, der Gasstreit mit Rußland zeigten, daß die Weltlage nicht sonderlich stabil war, doch das betraf Albert nicht. Schlechte Nachrichten hatte es immer gegeben.

Es gab schließlich auch gute Nachrichten. Der DAX hatte schon wieder die 5000er Marke getestet, das Gold dümpelte stabil bei 600 Euro, der Dollar hatte kürzlich gegenüber dem Euro an Wert gewonnen, was dem Export helfen sollte. Außerdem arbeitete die Kanzlerin unablässig daran, die Krise zu bewältigen. Sie traf sich mit allen wichtigen Staatsmännern, reiste unablässig umher, um Vereinbarungen zu treffen und den Welthandel wieder in Schwung zu bringen, wovon die Exportnation Deutschland profitieren würde.

Zudem gab es den Euro. Ein großer europäischer Wirtschaftszusammenschluß trotzt wie ein Fels jeder Brandung, dachte Albert. Verabschiedete die Regierung nicht gerade das zweite Konjunkturprogramm? Garantierte die Regierung nicht die Spargelder? Gab es nicht Bürgschaften für die Banken und bald auch für die Industrie? Nein, Albert ließ sich nicht irre machen. Zwei mahnenden Stimmen an seinem Stammtisch hielt er vor, daß die Regierung und die Wirtschaftswissenschaftler aus der Vergangenheit gelernt hatten. Eine Sekretärin, die ihm eine kassandrahafte Internetseite zeigte, informierte er, daß deren Surfverhalten aufgezeichnet würde und sie solche Seiten besser nur privat ansehe. Im Fernsehen liefen Musikantenstadl und Wetten dass...?, Neues aus der Anstalt fand Albert zwar gut, aber das kam einfach zu spät, er mußte schließlich früh aufstehen.

Albert kam nicht ins Grübeln, als der neue US-Präsident von militärischer Stärke und von Flagge zeigen sprach, als er die Verbündeten dazu aufforderte, mehr Lasten zu übernehmen, vor allem in Afghanistan. Der Höhenflug des Dollars ging zu Ende, statt dessen stiegen die Preise an den Tankstellen. Aber im Fernsehen kam immer noch Verstehen Sie Spaß, und Albert genoß es, diesen Spaß zu verstehen. Und die Kanzlerin hatte schon früher von unverbrüchlicher Solidarität zu Israel gesprochen. Die Bundeswehr war ja nicht wirklich im Gaza-Streifen, sondern mit ein paar Pionieren in Ägypten, um dort die Tunnel der Hamas aufzuspüren.

Ein klein wenig ärgerte sich Albert, als das Gold über tausend Euro stieg. Er hatte zwar nicht viel gespart, aber zehn Unzen hätte er sich leisten können, um jetzt den Gewinn mitzunehmen. Gold würde sich bestimmt nicht auf diesem Niveau halten. Dafür bot sich jetzt, bei DAX 3500, eine Einstiegsmöglichkeit. Viel weiter konnten die Aktien gar nicht mehr sinken. Albert hatte jetzt Zeit, sich am Nachmittag die Gerichtsshows anzuschauen, denn die Stadtverwaltung Großmietraching hatte ihm angeboten, sein Überstundenkonto abzubauen und als zusätzlichen Anreiz dieses großzügig aufgerundet.

Zu Ostern hatten die Autofirmen vorgezogene Betriebsferien abgehalten. Dies hielt den Schrumpfungsprozeß der Autoindustrie nicht auf, die ersten Fabriken hatten bereits geschlossen, trotz aller Staatsbürgschaften und Abwrackprämien. Sicher, Alberts Auto war auch schon zehn Jahre alt, aber mit 130.000 km auf dem Tacho und bei guter Pflege würde es noch drei bis fünf Jahre halten. Vielleicht, wenn der DAX wieder auf 8.000 geklettert sein würde, oder wenn neue Rabatte die Autos noch weiter verbilligten. Das Osterprogramm im Fernsehen war großartig. Anstatt der biblischen Schinken, die sie früher immer gesendet hatten, kam eine Reportage über die glorreichsten Momente der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, natürlich mit allen WM-Endspielen.

Albert bedauerte die Kanzlerin, so niedergeschlagen, wie sie bei ihrer Pfingstansprache aus dem Fernseher schaute. Niemand hätte gedacht, daß Italien zu Ferienbeginn aus dem Euro-Verbund austreten würde. Viele Urlauber mußten sich in die Schlangen der Italiener einreihen, um bei den Banken ihre Euro in die neue Lira umzutauschen, die nach nur einem Übergangstag als alleiniges Zahlungsmittel verwendet wurde. Der ungünstige Wechselkurs verteuerte den Urlaub schlagartig, die Hotels durfte sogar die Preissteigerung nachfordern, selbst wenn der Aufenthalt seit Monaten bezahlt worden war.

Nach der Ansprache der Kanzlerin kam die Nachricht, daß Spanien und Griechenland ebenfalls austreten wollten. Diesmal ließ sich Albert nicht durch den großen Preis der Volksmusik ablenken, er verfolgte die Expertenrunde, die ratlos überlegte, wie es mit dem Euro weitergehen sollte. Am Pfingstdienstag traf Albert der nächste Schock: Der DAX war auf 2800 Punkte gefallen, dafür Gold auf 1500 Euro gestiegen. Er beschloß, bei einem früheren Arbeitskollegen anzurufen, der ihm schon vor Monaten gesagt hatte, daß er mit schlimmen Zeiten rechnete. Leider war dort entweder besetzt oder der Anrufbeantworter meldete sich, der allerdings nichts mehr aufzeichnete, weil schon zu viele Anrufer Nachrichten hinterlassen hatten.

Unter diesen Vorzeichen wurde die Europa-Wahl abgehalten. Zwar schaffte es die CSU gerade noch so, ins Europaparlament zu kommen, doch mit ihr zogen aus Deutschland die Linken ein und ebenfalls das Wahlbündnis Rechts, zu dem sich NPD, DVU und Republikaner zusammengeschlossen hatten. Die Parteien der Mitte und die Sozialdemokraten erreichten im EU-Parlament zwar immer noch eine Mehrheit, doch diese Mehrheit sollte niemand stabil nennen, denn in den einzelnen Ländern definierten sich die Parteien neu, gingen oft genug auf einen radikaleren Kurs.

In den nächsten Monaten stiegen die Preise auf breiter Front. Der Dollar und das britische Pfund verfielen noch schneller, der Schweizer Franken nicht ganz so stark. Immerhin erhielt Albert einen Lohnausgleich, der die Teuerungsrate nicht wirklich kompensierte, aber wenigstens die Lage ein wenig erleichterte. Fünf Millionen Arbeitslose zu Beginn des Sommers drückten auf die Stimmung im Land. Albert hatte in den Nachrichten nicht wirklich darauf geachtet, daß die Anleihen des Bundes inzwischen direkt an die EZB verkauft wurden, weil sich keine anderen Interessenten mehr fanden. Wenigstens hatte sich das Fernsehprogramm angepaßt, es gab mehr Spielshows, die in schneller Folge ein paar der neuen Euro-Tausender verteilten. Wenigstens stiegen jetzt endlich die Aktien wieder.

Der Staatsbankrott der USA überraschte Albert völlig. Natürlich gab es Vorwarnungen, aber eben nicht bei Tatort, Lindenstraße oder In aller Freundschaft. Dazu hätte Albert sich langweilige politische Magazine anschauen müssen, die nach 23:00 Uhr liefen oder am frühen Morgen. Oder er hätte im Internet auf jenen verpönten Seiten nachlesen müssen, deren Betreiber die Staatsmacht mit dem konstruierten Vorwurf der Volksverhetzung mundtot zu machen versuchte. Im erklärten Hort der Freiheit herrschte plötzlich Kriegsrecht, die Bilder vom beginnenden Bürgerkrieg ähnelten dem, was zu Jahresanfang in Gaza stattgefunden hatte. Nur war es dort die eigene Armee, die gegen ihre Mitbürger vorging.

Als Israel mit Ägypten und Saudi-Arabien ein Verteidigungsbündnis abschloß und seine engen Verbindungen zu den USA und der EU aufgab, erlitt die Kanzlerin einen Nervenzusammenbruch. Mitten im Wahlkampf leerten sich in Deutschland die Regale, längst sprachen die Experten von Depression und Inflation. Die CDU schickte als letztes Aufgebot Roland Koch ins Rennen, der seine Landtagswahl schon hinter sich hatte. Die Landtagswahlen Ende August wirbelten die Parteienlandschaft gründlich durcheinander. Oskar Lafontaine errang mit den SED-Nachfolgern die Mehrheit im Saarland, in Thüringen schafften die Linken über 40%. Selbst in Brandenburg gelang der SPD nur ein hauchdünner Vorsprung, der es ihr erlaubte, den Ministerpräsidenten weiterhin für sich zu reklamieren.

Albert hatte jetzt viel Zeit um Fernzusehen, denn selbst die Stadtverwaltung Großmietraching konnte ihre Leute nicht mehr halten. Albert bezog Arbeitslosengeld, die Kommune bezahlte jedoch 500 Euro dazu (den erhöhten Freibetrag), dafür mußte er tagsüber auf Abruf zur Verfügung stehen, um eventuelle Computerprobleme zu beheben. Beinahe täglich liefen jetzt Sondersendungen über die Ausschreitungen in deutschen Großstädten, die sich mancherorts zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen steigerten.

Immerhin, Roland Koch hielt Albert für den richtigen Mann, hatte der doch schon Anfang 2008 vor zu vielen Ausländern in Deutschland gewarnt. Seine Ankündigung, mit der FDP und der Wahlalternative Rechts eine Regierung der nationalen Erneuerung zu bilden, bestärkte Albert nur in dieser Einschätzung. DAX 5000 bereitete Albert nur wenig Freude, wenn er die Teuerung herausrechnete, blieben gerade einmal 2500 Punkte übrig. Er hätte doch auf Gold setzen sollen, das kostete jedoch inzwischen 5000 Euro, aber das empfand Albert als zu viel riskant, um jetzt noch einzusteigen.

Präsident Obama hatte keine Wahl, er mußte seine Truppen heimholen. Den Krieg im Irak hatte er gleich nach seinem Amtsantritt verloren gegeben, jetzt zog er auch die Truppen aus Afghanistan ab. Die Flotte im Persischen Golf nahm nur Amerikaner an Bord, bevor sie sich in Richtung US-Westküste zurückzog. Für die Bundeswehr gab es diese Möglichkeit nicht. Zwar gewährten die Taliban sieben Tage freien Abzug, doch das reichte nicht, um das schwere Gerät oder die Vorräte mitzunehmen. Berlin entschied, Leben dem Vorrang vor Material einzuräumen und die Soldaten auszufliegen.

Kurz vor der Bundestagswahl erschien in mehreren Tageszeitungen eine große Anzeige des Zentralrats der Juden in Deutschland, in denen der Rat davor warnte, der Wahlalternative Rechts die Stimme zu geben. Albert hatte das nicht vorgehabt, deshalb nahm er das zwar zur Kenntnis, doch er begriff nicht, daß sich die Lage in Deutschland verändert hatte. Noch zur Europawahl hatte der Zentralrat keine Anzeigen bezahlen müssen, seine Warnungen waren überall abgedruckt und in den Nachrichtensendungen verbreitet worden. Doch das war, bevor Israel das neue Bündnis abgeschlossen hatte.

Die Wahlen zum Bundestag brachten eine Überraschung, welche die Demoskopen nicht vorhergesehen hatten: Die Wahlbeteiligung lag deutlich höher als erwartet, und dieses Mehr an Wählern hatte dem rechten und dem linken Rand die Stimmen gegeben. Weder Koch noch Steinmeier konnten den Sieg für sich reklamieren, es reichte nicht einmal für eine Fortsetzung der großen Koalition. Jetzt wurden die absonderlichsten Farbenspiele diskutiert: Schwarz-Rot-Braun, Dunkelrot-Rot-Grün, Braun-Gelb-Grün-Schwarz, Dunkelrot-Braun-Grün...

Dann gab es tatsächlich einen Bundeskanzler, den niemand auf seiner Liste gehabt hatte: Lothar Bisky von den Linken, der mit den Rechten und den Grünen ein Bündnis zur Ablösung der Altparteien geschmiedet hatte. Binnen weniger Tage paßte sich die Presse an. Aus "Migranten" wurden "Fremdarbeiter", aus "Mulitkulti" ein "Anschlag auf die deutsche Leitkultur". Die neue Regierung lobte Rückkehrprämien aus und beschränkte staatliche Unterstützung von Sozialhilfe bis Kindergeld auf deutsche Staatsbürger. Gleichzeitig wurde die Einbürgerung erheblich erschwert und alle Einbürgerungen der letzten vier Jahre einer Prüfung unterzogen.

Für Albert brach eine Welt zusammen. Natürlich, im Komödienstadl oder bei Gute Zeiten, schlechte Zeiten erfuhr niemand, wie nahe sich "Rechte" und "Linke" politisch in Wirklichkeit standen. Historische "Dokumentationen" im ZDF hatten immer die Unterschiede herausgearbeitet, anstatt die Gemeinsamkeiten der Positionen aufzuzeigen. Die historische Gegnerschaft zwischen nationalen und internationalen Sozialisten hatte immer überdeckt, daß sich beide Parteien in erster Linie als Sozialisten betrachteten. Den heutigen Linken fehlte die internationale Gemeinschaft der kommunistischen Partei, deshalb waren sie unbeachtet von der Öffentlichkeit immer mehr zu nationalen Sozialisten mutiert.

Die neue Regierung griff hart durch. Wo immer Ausländer für Unruhen sorgten, wurde rabiat durchgegriffen, es wurde geschossen und verhaftet, außerdem sehr schnell abgeschoben. Selbst Verkehrsverstöße dienten jetzt bereits als Grund für eine Ausweisung.

Mit dem Ende des Jahres kam auch das Ende des Euro. Der US-Dollar hatte zwar überlebt, war aber international wertlos geworden. In den zerfallenden USA war er noch offizielles Zahlungsmittel, doch längst hatten die Fraktionen im Bürgerkrieg eigene regionale Zahlungsmittel eingeführt. Die USA war nicht mehr in der Lage, ihre Ölrechnung zu bezahlen. Die Währungsreform führte die nationalen Währungen wieder ein. International wurde nur noch eines akzeptiert: Gold. Wer kein Gold besaß, um einzukaufen, mußte feilschen, um im Tauschhandel Waren gegen Waren zu erwerben.

Es war kalt geworden, am Ende dieses Jahres 2009. Wer jetzt staatliche Unterstützung bezog, konnte zumeist nur einen einzigen Raum seiner Wohnung beheizen, oder er sparte an anderer Stelle. Importwaren waren unerschwinglich geworden, Albert hatte bereits den Schwarzmarkt besucht. Dort hatte er seinen früheren Arbeitskollegen getroffen, dem sein 17 Jahre alter Fernseher kaputt gegangen war. Albert wollte ihn zunächst bedauern, doch dann erlebte er, wie ein großer neuwertiger LCD-Flachbildfernseher den Besitzer wechselte, für fünf Maria-Theresia-Taler. 27,50 Euro, verriet ihm der ehemalige Kollege unter vier Augen.

In der Tristesse seiner nicht allzu warmen Wohnung überlegte Albert, wie der Kerl schon 2005 wissen konnte, daß die Zeiten schlechter würden. Er kam zu keinem Ergebnis und schaltete den Fernseher an. Nachher sollte eine neue Unterhaltungsshow kommen, mit Thomas Gottschalk.

© Michael Winkler