Ideen unerwünscht (11.1.2006)

In ihrer Durchhalte-Parole zum Neujahrstag hat unsere neue Bundesmerkel Deutschland zum Land der Ideen ausgerufen. Guter Versuch, aber leider... Es gibt kein Land auf dieser Welt, in dem Ideen so unerwünscht sind wie in Deutschland. Gewiß, als Bundeskanzlerin, Parteivorsitzende oder Ministerin merkt man das nicht so, denn da spielt man auf der Gegenseite, also bei jenen, die Ideen abblocken. Doch das hört sich nicht so gut an, im Rahmen von Durchhalteparolen.

Flexibler als Bürokratie und Politik ist angeblich die Wirtschaft. Ich möchte jetzt nicht auf die großen Erfindungen eingehen, wie das Faxgerät, das in Deutschland entwickelt wurde und die deutsche Wirtschaft erst interessierte, als der Erfinder in Japan Firmen gefunden hatte, die seine Erfindung tatsächlich produzieren wollten.

Es geht um die kleinen Erfindungen, die Verbesserungsvorschläge des Alltags. Es soll fortschrittliche Betriebe geben, die ein innerbetriebliches Vorschlagswesen aufgebaut haben. Zumindest formal können sich dort die Mitarbeiter einbringen. Aber allzuoft wird so getan, als brächten solche Vorschläge Sand ins Getriebe. In Betrieben, in denen ich gearbeitet habe, flossen Ideen nur von oben nach unten, umgekehrt wurden sie ignoriert - oder frühestens nach vielen Monaten mal kurz diskutiert.

In den Betrieben gibt es eine Hierarchie. In der Hierarchie gibt es Vorgesetzte, die ihren Untergebenen oft nur voraus haben, daß sie länger im Betrieb sind und deshalb für einstmals gute Leistungen befördert wurden. Diese Leute sind oftmals von der "Front" bereits soweit entfernt, daß sie nicht mehr die Aufgaben ihrer Leute übernehmen können. Wenn nun ein Unterling Ideen entwickelt, so bremst der Vorgesetzte sie aus, um seine eigene Position zu erhalten. Denn sonst müßte er sich von seinem Vorgesetzten fragen lassen, wieso er nicht selbst darauf gekommen ist.

Es gibt nur selten selbstsichere Vorgesetzte, die es sich erlauben, Untergebene zu fördern. Besonders gefürchtet sind die Paarungen junger Theoretiker - alter Praktiker. Egal ob es ein Ingenieur ist oder ein Diplomkaufmann, der frisch von der Hochschule kommt und gleich eine Führungsaufgabe erhält, sein Untergebener ist ein altgedienter Techniker oder Buchhalter. Der Untergebene weiß, was er tut, hat eine Unzahl von Problemen gelöst und verfügt über einen umfangreichen Schatz von Erfahrungen. Aber er blitzt ab, weil der junge Schnösel glaubt, daß er seine Autorität wahren muß. Ach ja - es klappt auch mit einem jungen Leutnant und einem alten Oberfeldwebel.

Es gilt nach wie vor, daß erstklassige Vorgesetzte erstklassige Mitarbeiter haben, zweitklassige Vorgesetzte hingegen nur drittklassige Mitarbeiter. Ein Vorgesetzter, der seine Mitarbeiter inspiriert, eigene Ideen zu entwickeln, über ihre Arbeit nachzudenken und so selbständig auf das Wohl der Firma zu achten, erzielt beste Ergebnisse. So empfinden sich alle Arbeiter als Teil des Ganzen, als Teil, der Einfluß auf das Wohl und Wehe dieses Ganzen besitzt. Ein Vorgesetzter, der die Ideen seiner Untergebenen ausbremst, bringt diese dazu, "den Job abends beim Pförtner abzugeben". Wer nur ein kleines Rädchen im Getriebe ist, das bloß zu funktionieren hat, ohne jede Einflußmöglichkeit, bringt auch keinen Ehrgeiz auf, mehr als nur das Nötigste zu tun.

Mittlerweile ist die Wirtschaft dazu übergegangen, sich eigene Ideengeber zu halten. Weil die eigenen Leute davon abgeschreckt wurden, Ideen zu entwickeln, holt sich der Chef externe Berater. Diese kosten eine Menge Geld, folglich hört der Chef auf sie, weil sich diese Ausgabe lohnen soll. Die Berater hingegen sind zumeist junge Leute (unter 30, gemäß dem offiziell propagierten Jugendwahn). Diese bringen keine Erfahrung mit, dafür aber das Wissen, das ihnen ihre Professoren eingetrichtert haben. Und diese Professoren lehren anhand von Fallbeispielen aus vorzugsweise amerikanischer Wirtschaftsliteratur.

Intelligente Berater betreiben ein "Data-Mining", was heißt, sie unterhalten sich mit den Mitarbeitern. Diese freuen sich, daß ihnen endlich einmal jemand zuhört und liefern bereitwillig Vorschläge und Ideen. Die Berater schreiben eifrig mit, verfassen daraus eine wohlformulierte Unternehmensstudie voller interessanter Vorschläge - und kassieren ab. Der Chef ist begeistert und setzt das um, was er für weitaus weniger Geld direkt von seinen Leuten erfahren hätte. Oft genug ist er sogar so begeistert, daß er den Berater für seine Firma abwirbt.

Schlechte Berater hingegen bringen gleich das Lösungskonzept mit. Statt Ideen aus dem Betrieb zu holen, tragen sie Professorenweisheiten in den Betrieb hinein. Ihre Lösungen klingen nicht weniger gut wie diejenigen der guten Berater, nur richten sie Schaden an, weil es die falschen Lösungen sind. In dem Fall wird dem Auftraggeber erklärt, daß er leider nicht die passenden Leute für die genialen Lösungen der Berater habe - und tunlichst neue Leute einstellen soll.

Was in der Wirtschaft gilt, gilt noch mehr in Behörden und erst recht in Parteien. Ein Parteivorsitzender wie Stoiber mag als fleißiger Aktenfresser gelten, aber was kommt dabei heraus? Neben dem Amt des Parteivorsitzenden hat er auch das Amt des Ministerpräsidenten von Bayern. (Platzeck von der SPD ist Ministerpräsident von Brandenburg, Merkel von der CDU Bundeskanzlerin, Westerwelle von der FDP Fraktionsvorsitzender im Bundestag. Die Grünen sind unberechenbar und die PDS ist eine Kaderpartei, da mögen andere Gesetze gelten.)

Der Ministerpräsident hat Pflichttermine. Da gilt es Orden zu verleihen, staatsmännische Reden zu halten, Interviews zu geben und Auftritte in Fernseh-Laber-Runden unterzubringen. Ab und zu muß sogar regiert werden, im eigenen Landtag, im Bundesrat, im Bundestag oder sogar im persönlichen Arbeitszimmer in der Staatskanzlei.

Nun ist aber Edmund Stoiber austauschbar, zum Beispiel durch Günter Beckstein. Andrea Nahles könnte Matthias Platzeck ersetzen, Roland Koch Angela Merkel und Wolfgang Gerhardt den Guido Westerwelle. Um das zu verhindern, klammert sich der Vorsitzende an die Macht. Diese sagenhafte Macht erstreckt sich auf gerade einmal zwei Bereiche: Zum einen kann der/die Parteivorsitzende Günstlinge fördern und mit Posten versorgen. Gerade das Staatsamt sorgt dafür, daß reizvolle und gut dotierte Pfründen zur Verfügung stehen. Das kostet den Steuerzahler nur Geld und ist nicht ganz so schlimm.

Der zweite Machtbereich betrifft die Förderung und Unterdrückung von Ideen. Parteivorsitzende sind in ihre Ämter nicht aufgrund erwiesener Genialität gelangt, sondern weil sie sich für die richtige Seilschaft entschieden haben. Getreu dem Radfahrermotto, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten, haben sie ihre Karriere gefördert und hin und wieder lästige Konkurrenten aus der Bahn geworfen. Wer erinnert sich noch an Gerold Tandler oder Friedrich Merz?

Eine objektiv meßbare Befähigung kann ein Parteivorsitzender nur ganz selten nachweisen. Um sich trotzdem an der Spitze halten zu können, sorgt er dafür, daß alles in der Partei über den eigenen Schreibtisch gehen muß. Der Parteivorsitzende entscheidet autokratisch, welche Ideen von der Partei aufgegriffen werden und welche nicht. Dabei geht es jedoch nicht primär darum , was gut für die Partei oder gar gut für das Land ist, sondern darum was den Parteivorsitzenden gut aussehen läßt und ihm sein Amt erhält.

In der Partei gilt die Hierarchie extrem. Das einfache Parteimitglied kann zwar relativ schnell mit seinem Kreisvorsitzenden oder Abgeordneten sprechen, doch diese Instanzen dienen dazu, Ideen abzublocken. Wenn die Idee von einem einfachen Parteimitglied stammt, läßt sie sich nur schlecht dazu benutzen, die eigene Karriere zu fördern, also hat diese Ebene kein Interesse, sich mit der nächsthöheren Ebene anzulegen, um den Gedanken eines Unterlings durchzusetzen.

In der Umgebung des Parteivorsitzenden sieht es ähnlich aus. Da sind Kreisvorsitzende Unterlinge, die tunlichst nicht stören sollten. Einfache Abgeordnete können zwar mit dem großen Vorsitzenden sprechen, aber ernst genommen werden sie nur selten. Halbwegs auf Augenhöhe befinden sich nur das Parteipräsidium bzw. der Parteivorstand und die Ministerriege. Diese Leute müssen aber immer daran denken, wer hier Roß und wer Reiter ist. Generell gilt das erste Gebot: Ich bin der Herr, dein Parteichef. Du darfst keine anderen Parteigötzen neben mir haben.

Gerade die Führungsriege muß sich streng an den Dienstweg halten, denn sonst fürchtet der Parteivorsitzende um sein Amt. Ein stellvertretender Vorsitzender, ein Minister oder ein herausragendes Mitglied der Fraktion, das es wagt, eine eigene Idee am Parteivorsitzenden vorbei an die Öffentlichkeit zu tragen, wird zum gefährlichen Rivalen. Friedrich Merz war der letzte spektakuläre Fall. Er wagte es, mit seiner Steuererklärung auf einem Bierdeckel populär zu werden. Er war einmal Fraktionsvorsitzender und damit die zentrale politische Figur im politischen Spiel der Union. Deshalb wurde er von Frau Merkel ganz gezielt demontiert. Von Merz hört man nichts mehr, von seiner Bierdeckelsteuer auch nichts.

Parteiführer lernen die Mechanismen der Macht bei ihrem Aufstieg sehr intensiv. Deshalb kommt es nur ganz selten zu derart spektakulären Vorfällen. Nur Landesfürsten, also Ministerpräsidenten mit eigener Hausmacht, wagen hin und wieder Querschüsse, da sie hinreichend abgesichert sind, wenn sie beim großen Vorsitzenden in Ungnade fallen sollten.

Loyale Parteileute, im Volksmund als Stiefellecker bezeichnet, dürfen Ideen entwickeln. Diese dürfen sie dem großen Vorsitzenden vortragen, der dann im göttlichen Ratschluß darüber befindet. (Auf Grund eigener Göttlichkeit, denn die wirklichen himmlischen Ratschläge für die bayerische Staatsregierung liegen bekanntlich dank Engel Aloisius im Münchner Hofbräuhaus.)

Auch Politiker kennen inzwischen den Vorteil externer Berater. Die entwickeln Ideen, ohne gleichzeitige Ambitionen, den Parteivorsitzenden baldmöglichst zu ersetzen. Sollten die Vorschläge dem Parteichef nicht gefallen, nimmt er das als Bestätigung, auf dem richtigen Weg zu sein. Sollten sie jedoch Gnade finden, so werden sie adoptiert. Ab sofort sind sie geniale Vorschläge des geliebten Parteiführers, welche das Fußvolk gefälligst nachzubeten hat.

So halten sich angestellte Parteivorsitzende, angestellte Bundeskanzler und angestellte Manager einen Schwarm untergeordneter Ideengeber, deren hervorragendstes Merkmal darin besteht, niemals zur Gefahr für die Position des Ideenempfängers zu werden. Diese wiederum verteidigen ihre Position, indem sie Ideen von außen abwehren, denn jedes weitere Mitglied in dieser illustren Runde nährt sich von dem einen Kuchen, den die bisherigen Mitglieder bereits unter sich aufgeteilt haben.

Egal, was die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsrede philosophiert, es hat mit der Realität im Lande wenig zu tun. Auch wenn Deutschland vor neuen Ideen sprüht, werden diese Ideen nur wenig bewirken, wenn die Schutzmechanismen der diversen Oberen greifen, um diese Ideen nicht durchdringen zu lassen. Solange wir in Deutschland eine hierarchisch gegliederte Kommandowirtschaft haben, nützt auch der größte Ideenreichtum nichts.

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl jener Leute um ein Drittel reduziert, die ein anspruchsvolles Studium der Natur- oder Ingenieurswissenschaften auf sich nehmen. Ich kann es den jungen Leuten nicht verdenken und nach den Erfahrungen meines eigenen Lebens würde auch ich nicht mehr Physik studieren wollen.

Ja, mir ist durchaus bekannt, daß zahlreiche Firmen händeringend Ingenieure suchen und keine bekommen. Oh ja, das stimmt und spräche für ein derartiges Studium. Was diese Firmen jedoch nicht erwähnen, sind die zahlreichen arbeitslosen Ingenieure, die es in Deutschland gibt. Sollten sie darauf angesprochen werden, haben die Herrschaften natürlich gute Argumente. Die Ingenieure seien zu alt, ihr Wissen nicht mehr aktuell und überhaupt seien es die falschen Leute für diesen Posten.

Anders als Ingenieure sind Buchhalter nie zu alt. Kaufleute können immer, überall und für jedes Unternehmen arbeiten. Ein Ingenieur, der zehn Jahre Nähmaschinen konstruiert hat, ist selbstverständlich unfähig, an einem Automotor zu arbeiten. Dafür kann ein Verkäufer, der bislang Nähmaschinen verscherbelt hatte, jederzeit Automobile unters Volk bringen.

Erfahrung zeichnet vielleicht einen Parteivorsitzenden aus, bei einem Ingenieur gilt sie gar nichts. Der Ingenieur muß genau auf die Stelle passen, sonst wird er nicht genommen. Anstatt den Ingenieur in drei Monaten einzuarbeiten, lamentiert man lieber zwölf Monate im Jahr darüber, daß man keine Ingenieure bekomme und deshalb gezwungen sei, sich im Ausland umzusehen. Wer 20 Jahre Software entwickelt hat, erlernt eine neue Programmiersprache in zwei Wochen. Für die Eigenheiten neuer Betriebssysteme und neuer Hardware braucht er vielleicht vier Wochen, doch nach spätestens sechs Wochen profitiert das einstellende Unternehmen von der langen Erfahrung des neuen Mitarbeiters. Eingestellt wird aber lieber ein frischer Uni-Absolvent, der die ersten sechs Wochen benötigt, um sich an die Abläufe in der Firma und das regelmäßige frühzeitige Aufstehen zu gewöhnen.

Wäre eine Frau Merkel nicht zufällig Bundeskanzlerin geworden, hätte sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance. Die Frau ist 51 und kann nicht einmal mit ihrem Aussehen punkten. Ihr Abschluß und ihre Promotion stammen von einer DDR-Universität, was auch nicht gerade förderlich ist. Zudem ist sie seit 15 Jahren aus dem Geschäft, hat also keinerlei aktuelle Fachkenntnisse. Eine solche Frau kann sich noch nicht einmal bei Aldi an der Kasse bewerben, denn da gilt sie als überqualifiziert. Höchstens eine Stelle als Putzfrau ist drin, wenn sie ihren bisherigen beruflichen Werdegang verschweigt. Nur sind da Polen zwar illegal, aber billiger. Also Hartz IV, mehr braucht diese Frau nicht zu erwarten. Sie muß nicht einmal Spargel zu stechen, dafür ist sie zu alt. Selbst für einen Ein-Euro-Job sieht es schlecht aus.

Ja, das ist die Wirklichkeit, in diesem von Frau Merkel regierten Land. Falls sich jemand von mir diskriminiert fühlt: Das ist nicht meine private Einstellung, sondern der Versuch, die tatsächlich angewendeten Auswahlkriterien aufzuzählen. Eine Frage kann ich jedoch nicht beantworten: Ist es für Deutschland besser, eine Bundeskanzlerin Merkel zu haben oder eine Putzfrau Merkel? Das muß sie uns zeigen, da wage ich keine Prognosen.

Natürlich kann ich der Bundeskanzlerin im Grundsatz nur zustimmen. Deutschland braucht neue Ideen, ein "weiter so" ist nicht mehr möglich. Die Politik der faulen Hand eines Gerhard Schröder, ein geruhsames Abwarten, was sich aus einem von "Experten" wie Peter Hartz erdachten und von Parteibürokraten verwässertem Konzept der Agenda 2010 denn so entwickelt, können wir uns nicht mehr leisten.

Wir können uns aber auch nicht mehr die Mechanismen der Ideenverhinderung leisten. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders war Deutschland dynamischer. Lösungen wurden nicht zerredet, sondern improvisiert, ausprobiert und realisiert. Kein Chef konnte es sich damals leisten, eine Beraterfirma anzuheuern, denn das Geld brauchte er für Investitionen. In China und Indien kann sich das auch niemand leisten, denn in den drei Monaten, die eine Horde Berater bräuchte, um die Ideen in der eigenen Belegschaft zu sammeln und sie chefgerecht aufzubreiten, hat ein Konkurrent die Ideen längst umgesetzt und Marktanteile erobert.

Ideen wachsen aber nicht auf Befehl. Nicht einmal auf Befehl der Bundeskanzlerin. Wenn Ideen wachsen sollen, benötigen sie eine entsprechende Düngung. Ideen sind wie scheues Wild, das man erst anfüttern muß, wenn es Vertrauen fassen soll. Die Politik hat in den letzten Jahren das exakte Gegenteil getan. Statt Technik zu fördern und sie als Lösung zu propagieren, kamen vor allem die Bedenken-Träger zu Wort. Leute wie Jürgen Trittin, die für sich selbst alle Annehmlichkeiten von Luxuslimousinen und Flugbereitschaft in Anspruch nehmen, aber öffentlich bei jeder Gelegenheit die Großtechnologie als Umweltschädiger verteufeln, haben unermeßlichen Schaden angerichtet. Wir brauchen keine Laber-Tanten wie Claudia Roth, sondern zupackende Techniker wie... Ja, wie wer denn? Mir fällt keiner ein! Technikfeinde hingegen könnte ich Dutzende aufzählen, trotz meines schlechten Namensgedächtnisses.

Deutsche Ideen werden weder gesucht noch gefördert. Dies ist der 64. Beitrag meiner Kolumne. Bislang habe ich nicht eine einzige Anfrage bekommen, ob ich nicht irgendwo einmal etwas vertiefen möchte. Gut, ich bin nicht relevant, aber ich bin mir sicher, daß es noch viel mehr Leute gibt wie mich, die sich intensiv mit den Problemen dieses Landes auseinandersetzen. Aber diese Leute haben schlicht und einfach nicht den Ritterschlag des offiziellen Ideengebers empfangen, also werden sie ignoriert. Es geht ja nicht um Deutschland, sondern um die Reputation der Obrigkeit. Die muß immer und unter allen Umständen gut aussehen.

Ich weiß, daß ich es schon öfter gesagt habe, aber ich werde es wiederholen, bis sich endlich etwas tut. Die Wiedererweckung Deutschlands beginnt in den Köpfen. Solange wir unsere Kultur aus Amerika beziehen, wird sich wenig ändern. Die Vorbilder der Gegenwart sind leistungsschwache Fußballer, alternde Schauspieler und Tralala-Sänger. Reich und berühmt werden Models und Klamauk-Moderatoren, keine Techniker und keine Wissenschaftler. Zehn dämliche Fragen beantworten oder sechs Kreuzchen an der richtigen Stelle aufmalen verspricht mehr Gewinn, als sich einer technischen Ausbildung zu unterziehen.

Wenn wir deutsche Ingenieure haben wollen, dann brauchen wir auch deutsche Zukunftsromane. US-Space-Operas mögen vielleicht unterhalten, aber sie bewirken nichts. Schnulzen von Rosamunde Pilcher schmeicheln das Gemüt, aber deswegen studiert kein Mensch Maschinenbau. Die Helden im Fernsehen sind Ärzte und Polizisten, Abenteurer und Soldaten. Nie Ingenieure und Naturwissenschaftler. Daß es die gibt, muß der Zuschauer selbst folgern. Höchstens als Gegenspieler taucht mal ein "verrückter Wissenschaftler" auf, der aber am Schluß erledigt wird.

Die Kampagne "Du bist Deutschland" ist zwar ein guter Ansatz, aber miserabel ausgeführt. Da tauchten Fernsehgrößen und Fußballspieler auf und erklärten dem verwundert schauenden Publikum, daß dieses Deutschland sei. Ja, das ist sachlich richtig. Die Zuschauer sind Deutschland, jenes Deutschland, das diese Drohnen bezahlt. Gottschalk, Schmidt und Jauch bringen unserem Land gar nichts. Das sind quatschende Köpfe, die zwar unterhalten, aber nichts produzieren, Fernsehclowns, nicht mehr. Ideen Fehlanzeige.

Zum Ausgleich haben wir in Deutschland eine Gedankenpolizei. Der Gummiparagraph 130 läßt sich auf vieles anwenden. Er verbietet sogar das richtige Addieren. Wenn jemand die aktuellen Opferzahlen der Konzentrationslager zusammenzählt und auf weniger als die gesetzlich vorgeschriebenen sechs Millionen kommt, ist das strafbar. Wo aber liegen die Grenzen dieses Paragraphen? Ist es bald Volksverhetzung, wenn es jemand wagt, die Regierung zu kritisieren? Ist der Aufruf, kleine Parteien zu wählen und so den "führenden Demokraten" Wählerstimmen zu entziehen, auch bald Volksverhetzung?

Wirtschaftlich wurde ab 1990 die DDR vom Westen überrollt. Politisch aber sieht es immer mehr danach aus, als hätte die DDR gewonnen. Die staatliche Überwachung hat mittlerweile Ausmaße erreicht, die sich kaum noch von der Stasi-Zeit unterscheiden läßt. Das Bankgeheimnis ist abgeschafft, Telefon- und Handydaten werden zwecks allfälliger Auswertung gespeichert, der E-Mail-Verkehr überwacht. Wir bekommen biometrische Pässe und der Innenminister hat Rechte, von denen er früher nie zu träumen wagte.

Wie sollen in diesem Klima der staatlichen Oppression Kreativität und Ideen wachsen? Wie soll ein Staat, der sich selbst mit seinen Gesetzen bis zur Handlungsunfähigkeit eingemauert hat, den Spielraum für Neues bieten? Deutschland hat seine Souveränität an Brüssel, Washington und Tel Aviv delegiert. Wir zahlen Tribute, stellen Hilfstruppen und unterwerfen uns einer fremden Leitkultur - soweit man die Produktion von Hollywood als Kultur bezeichnen mag.

Kreative und innovative Leute, gerade jene, auf die unser Land für seine Zukunft angewiesen ist, verlassen dieses Land in Scharen, weil es hier keine Perspektiven mehr gibt. Dafür wandern massenhaft Leute zu, die hier versorgt werden wollen. Dieses Land blutet aus, die besten Köpfe wandern ab. Eines der besten Beispiele dafür ist der derzeitige Bundestrainer Klinsmann. Der kommt nur noch hierher, wenn er arbeiten muß, ansonsten zieht er es vor, mit diesem Land nichts zu tun zu haben.

Der Fisch stinkt vom Kopf her und in Deutschland stinkt dieser Kopf gewaltig. Da helfen weder Sonntags- noch Neujahrsreden. Das Klima ist vergiftet und die Freiheit wird eingeschnürt, mehr und mehr. Der Verfall ist kaum noch aufzuhalten, jedenfalls nicht mit diesem Führungspersonal, das nur ein weiterwursteln kennt. Was Deutschland braucht, ist eine Revolution, entweder von oben oder von unten. Wenn die Führung nicht in der Lage ist, den Umbruch herbeizuführen, läuft sie Gefahr, von diesem Umbruch hinweggefegt zu werden.

Das Volk hat Ideen, mehr als genug. Diese Ideen werden sich schließlich Bahn brechen, und wenn sie noch so unerwünscht sind. Die DDR hat zu spät reagiert, deshalb wurde sie abgewickelt. Die jetzige Groß-DDR kann in dieser Form nicht mehr lange bestehen. Kanzlerin, höre die Signale! Honecker hat sie überhört, vielleicht war er zu sehr abgeschirmt von der sozialistischen Wirklichkeit. Krenz kam zu spät, um noch etwas zu bewirken, da regierte bereits die Straße.

Wer nicht bereit ist, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

© Michael Winkler