Schubladen (4.2.2009)

"Und wie, Herr Doktor, haltet Ihr es mit der Religion?"

Das Gretchen wollte bestimmt keine gelehrte Antwort von Herrn Doktor Faustus, der seine Haltung zur Religion bestimmt umfassend hätte begründen können. Die Antwort sollte kurz, knapp und diskriminierend ausfallen. Diskriminierend? Ist das nicht böse? Mittlerweile ja, denn auch Worte können diskriminiert werden. Ursprünglich bedeutete das, einen Unterschied feststellen, einordnen. Heute bedeutet dieses Wort soviel wie abqualifizieren, also nachteilig einordnen, wegen Eigenschaften, die objektiv nichts mit der Qualität des Betroffenen zu tun haben.

Wir Menschen verfügen über einen Ordnungssinn, der uns veranlaßt, gleichartiges in Fächer zu sortieren. 30 Bücher in einem Regalfach, das ist ordentlich. Zwei Bücher, ein Paar Schuhe, ein Glas, zwei Porzellanfigürchen, ein paar Batterien, ein halbes Dutzend Schrauben - alles nebeneinander, im selben Fach, das ist nach dem Verständnis mancher Menschen "Kunst", aber eben keine Ordnung. Und das, obwohl diese Dinge allesamt in Regalen aufbewahrt werden.

Wer diskriminiert wird, wird eingeordnet, in ein geistiges Bezugssystem, eine Art Regal - oder eben eine Schublade. Da das durchaus die falsche Schublade sein kann, ist es heute diskriminierend, jemanden zu diskriminieren. Wenn ein Türke bestes Deutsch mit bayerischem Einschlag spricht - da gibt es ja einen fernsehbekannten Mann - dann gehört der eben nicht in die "Türkenschublade", worin man Leute erwartet, die nach dreißig Jahren in Deutschland kaum Deutsch verstehen, aber ihre Frauen verprügeln, wenn die ohne Kopftuch auf die Straße gehen.

Die Schubladen erleichtern uns jedoch die Zuordnung. Den langhaarigen Typen, mit abgetragener Jeans, Turnschuhen und ausgewaschenem Parka, hält niemand für einen Versicherungsvertreter, Bankberater oder Bundestagsabgeordneten. Das ist eher ein linker Utopist, ein Tagträumer, ein Grünen-Wähler, einer, der im 34. Semester Philosophie studiert oder Sozialpädagogik. Der liest nicht den Wirtschaftsteil in der Zeitung, genauso wenig, wie der Andere, der breitschultrige Kerl mit dem extremen Kurzhaarschnitt, den schwarzen Schnürstiefeln und der wattierten, olivgrünen Wetterjacke. Nur, warum reden die beiden miteinander? Sollten die sich nicht verprügeln? Wenigstens der Neonazi sollte Stunk anfangen...

Tja, der eine läßt seine Haare wachsen, weil er eine Rolle bei der "Landshuter Fürstenhochzeit" erhofft, der andere hat gerade eine Chemotherapie hinter sich und trägt Stiefel, weil diese seine Knöchel so stabilisieren, wie orthopädische Schuhe, aber nicht so viel kosten. Und schon haben wir ein gänzlich anderes Bild von den jungen Leuten, die natürlich beide in die Lehre gehen, für einen ganz soliden, bürgerlichen Beruf.

Vor-Urteile sind Bewertungen, die stattfinden, bevor jemand genug Zeit gehabt hat, um ein wirkliches, um ein fundiertes Urteil zu fällen. Vorurteile ordnen Menschen in Schubladen ein, ohne zu bedenken, daß jeder Mensch ein Individuum ist, ein eigenes, unteilbares Lebewesen.

Solche Vorurteile entstammen der Evolution und haben durchaus ihre Vorzüge. Den Hund, der knurrend seine Zähne fletscht, ordnen wir ganz instinktiv als aggressiv ein und beschließen, ihn besser nicht zu streicheln. Die orientalisch aussehende Frau mit dem Kopftuch fragen wir nur im extremen Notfall nach dem Weg, sofern wir der türkischen Sprache nicht mächtig sind.

Die Schublade ist jedoch auch eine Waffe. Die Hunnen, die Krauts, rote Hos' und schwarze Röck und stinken wie die Böck - es sind Schubladen. Alle Amerikaner sind doof, großspurig, legen die Füße auf die Tische und kauen Kaugummi, alle Russen sind ständig besoffen, brutal, gewalttätig, unzivilisiert und Vergewaltiger - das kennen Sie sicher. Tja, und ein gebildeter, weltoffener Amerikaner, der perfekt deutsch spricht, deutsche Literatur und Kultur bewundert und obendrein Jude ist - paßt der in die Schublade? Ein russischer Musiker, Vegetarier, Antialkoholiker, sensibler Schöngeist - paßt der in die Schublade?

Natürlich erleichtert das Schubladendenken die Arbeit. Sie haben eine Deutschlandfahne am Auto, obwohl gerade weder Fußball-WM noch EM stattfinden? Bedenklich, sehr bedenklich! Sie tragen Kleidung von Lonsdale oder Thor Steinar? Da werden die Polizisten bei einer Verkehrskontrolle viel unfreundlicher und der eine hat die Hand an der Waffe. Sie fahren nachts auf freier Strecke langsam und vorsichtig? Sind Sie mit einer Alkoholkontrolle einverstanden?

Ein Alois Mannichl mußte nur "Grüße von nationalen Widerstand" angeben, schon wurden objektiv Unschuldige zwecks Beugehaft ins Gefängnis geworfen. Die Schublade vermied Fragen, ein Opfer rechter Gewalt verdient Mitleid und Beachtung. Opfer von Ausländergewalt hingegen sind bestimmt verkappte Rassisten, schon allein um dem Ansehen unserer ausländischen Mitbürger nicht zu schaden, wird das klein gehalten.

Schubladen werden zudem gezielt konstruiert. Haben Sie schon von der christlich-jüdischen Kultur des Abendlandes gehört? Vermutlich hätte noch vor zehn Jahren jeder gestutzt, was dieser Begriff aussagen soll. Die arabische Astronomie, die arabischen Zahlen, die arabische Heilkunde - das alles hat sich das christliche Abendland angeeignet, ohne daß es heute groß erwähnt wird. Die Araber sind heutzutage eben Ölscheichs oder Terroristen, nicht wahr? Daß unsere mittelalterlichen Vorfahren primitive Schlagetots gewesen sind, die Araber zwar vermöbeln, ihnen aber sonst nicht das Wasser reichen konnten, "vergißt" man aus politischen Gründen.

Immerhin erfahren wir noch, daß diese Vorfahren sich stetig bemüht haben, Juden und jüdische Kultur aus ihrem Leben zu verbannen, auf recht rabiate Weise. Mord und Totschlag, Vertreibung, Ghettoisierung, Zwangstaufen - die Herrschaften waren damals so undankbar für die jüdischen Beiträge zur abendländischen Kultur... Deshalb werden diese heute um so intensiver betont, nicht aus historischen, sondern aus politischen Gründen, um eben eine neue Schublade zu schaffen.

Oh, das funktioniert. Kennen Sie "die gute Botteram"? Das ist oder war eine Margarine, soweit ich mich entsinne. Ich habe die nie gekauft, nie probiert und auch nicht das Bedürfnis, eines von beiden zu tun. Aber die Werbung aus dem 1960ern hat sich in meinem Kopf festgesetzt, eine Schublade gebildet. Allerdings vergeblich, denn, wie gesagt, ich habe das Zeug nie gekauft.

Schubladen erleichtern die erste, grobe Einordnung, aber sie sind nicht für die Ewigkeit. Meine Oma mußte ich einst überreden, die Spaghetti nicht dreimal durchzubrechen, weil sie nach ihrer Ansicht so besser zu essen seien. Heute sind "Spaghetti Bolognaise" oder "Pizza Speziale" Bestandteil der deutschen Volksküche. Die Italiener können einfach keine gescheite Pizza machen...

Ja, ich kenne die Statistiken über zu viele Ausländer in Deutschland, ich kenne auch die Geschichten von Messerattacken und Ehrenmorden. Das hindert mich aber nicht daran, einen Döner zu essen oder in einem Türkenladen einzukaufen. Auch wenn die Inhaber schlecht Deutsch sprechen, sie sind freundliche, arbeitsame und ehrliche Leute. Warum sollte ich Leute, die ich persönlich kenne, in eine Schublade stecken? Abgezockt und übers Ohr gehauen wurde ich bisher von Deutschen, nicht von Türken.

Ich weiß auch, daß ein Hamburger einer amerikanischen Imbiß-Kette weder besonders gesund noch besonders exquisite Küche darstellt. Richtig, USA und Kultur sind ein Widerspruch. Ich tippe diese Zeilen trotzdem auf dem Rechner einer amerikanischen Firma, mit einem amerikanischen Prozessor und einem amerikanischen Betriebssystem. Und wenn ich Lust dazu habe, trinke ich amerikanische Limonade und esse einen dieser ach so primitiven Hamburger. Warum auch nicht? Ich entscheide, nicht die mir eingeredeten Schubladen.

Zu meiner geistigen Freiheit gehört, selbst zu entscheiden, was Vor-Urteile sind, wann ich sie brauche und wann ich sie überwinden muß. Alle Lehrer sind faul, oder? Die meisten, die ich gehabt hatte, waren es nicht, und die zwei oder drei, die ich heute privat kenne, sind engagierte Leute. Wenn jedoch von den diversen Kultusministerien immer neue Verordnungen auf die Lehrer herunterregnen, verliert sich dieses Engagement schließlich in der Tretmühle des Alltags. Und außerdem ist mein Bekanntenkreis selektiv. Linke Bildungsideologen gehören nicht dazu, deshalb kenne ich nur "altmodische" Lehrer, deren Pflicht- und Ehrgefühl intakt ist.

Wir brauchen Schubladen, um uns zu orientieren, aber wenn Schubladen uns daran hindern, eigene Erfahrungen zuzulassen, dann sind sie uns im Weg. Ich rede nicht mit Dir, auch wenn ich Dich nicht kenne, weil Du ... bist. Ich habe die Begründung bewußt offen gelassen, denn dazu ist fast jeder Grund "gut" genug. Ich rede mit jedem, gebe jedem die Gelegenheit, mir mein Vorurteil zu beweisen oder zu widerlegen. Das heißt, eine Ausnahme gibt es: Callcenter-Anrufe, die mir unverlangt etwas verkaufen wollen, blocke ich ab. Aus Erfahrung!

Ich höre zu, wenn der Zentralrat der Juden etwas sagt. Ich höre auch zu, wenn die Bundeskanzlerin dies wenig später mit eigenen Worten wiederholt. Ich höre die Worte und ich betrachte die Taten, die diesen Worten folgen, um zu beurteilen, wie glaubhaft die künftigen Worte sind. Ich sortiere damit selbst in Schubladen, aber nicht, indem ich fremde Vorurteile nachbete, sondern indem ich selbst entscheide, wer wozu gehört. Ja, ich weiß, ich begehe damit manchmal Fehler, denn wer immer lügt, dem glaube ich nicht, selbst wenn er ausnahmsweise doch einmal die Wahrheit spricht.

Wer sich immer nur über alles beschwert, niemals Dankbarkeit zeigt, sich niemals auch nur ein bißchen bewegt, mit dem ist der Dialog sinnlos. Künftige Beschwerden werde ich nicht mehr ernst nehmen, sondern als sinnentstellte Übertreibungen ansehen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen.

Schubladen helfen, wenn man sich ihrer bedient, um Ordnung im geistigen Koordinatensystem zu halten. Sie sind nützlich, wenn man selbst entscheidet, wer wo eingeordnet wird. Das geht aber nur, wenn man sich selbst genau anschaut, was man wo einsortiert, sonst stehen Bücher bei alten Schuhen und Gebrauchsporzellan. Niemand ist mein Feind, bloß weil er anders ist. Aber jeder ist mein Feind, der sich als Feind verhält. Und wer meinen Feinden hilft und sie unterstützt, dem bringe ich kein Vertrauen entgegen.

Schubladen sind trotz allem gefährlich. Wenn jeder, der noch einen Hauch von Nationalbewußtsein besitzt, heutzutage als "rechts" diffamiert wird, dann ist das ein Kampfmittel, um eben jene Reste des Nationalbewußtseins auszulöschen. Wenn nichts mehr deutsch sein darf, dann ist Deutschland am Ende. Vorurteile werden gezielt gestreut, um Menschen zu manipulieren. Deshalb muß jeder Einzelne Vorurteile erkennen und überwinden. Die eigene Anschauung, die eigene Erfahrung ist wesentlich wichtiger, als alles, was uns von dritter Seite eingeredet wird.

© Michael Winkler