Das neue Reich 1

SMS Friedenstaube

144 Seiten,

signiert und mit Widmung beim Autor

9,90 Euro

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2 Exemplare: 21,50 / 3 Exemplare 31,50 / 4 Exemplare 41,50

Inhaltsverzeichnis

Reisevorbereitungen . . . . . . . . . . 5

Kolonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14

Wasserstadt New York . . . . . . 26

Frenchtown . . . . . . . . . . . . . . . 33

Seuchenzone . . . . . . . . . . . . . . 46

Washington . . . . . . . . . . . . . . . 65

Schatten des Krieges . . . . . . . . 78

Kampf ums Reich . . . . . . . . . . . 98

Endlich Frieden! . . . . . . . . . . . 130

Ordensverleihung . . . . . . . . . . 135

Liste der handelnden Personen 141

Kolonie

Die SMS FRIEDENSTAUBE lief ganz planmäßig am 26. Mai 2028 aus, nur das Ziel hatte sich geändert: Helgoland. Die Zeiss-Werke Jena hatten eine deutlich leistungsfähigere Optik für die Bodenbeobachtung der T2-06 angefertigt, außerdem sollten die Objektive der Luftbildkameras gegen verbesserte Konstruktionen ausgetauscht werden. Obwohl Leutnant Voß anbot, die TAUBE auf dem Atlantik einzuholen, lehnte Kapitän Ritscher ab. Mit der Radar-Technik der einstigen Bundeswehr wäre ein solches Zusammentreffen eine einfache Übung gewesen, die Geräte des Reiches hatten noch längst nicht diese Qualität. Die TAUBE sollte voll ausgerüstet aufbrechen.

Leutnant Voß akzeptierte auf seine Weise. Er bat um die Erlaubnis für Start- und Landemanöver, da der Einbau der neuen Geräte erst am 28. Mai erfolgen sollte. Bei diesen Manövern drillte der Leutnant seine Besatzung darin, das Schiff mittels Radar aufzuspüren. Dazu entfernte sich die Flugscheibe hunderte Kilometer von ihrem Mutterschiff, das außerdem Kurswechsel vornehmen sollte, um der Flugscheibe zu entkommen.

Vor Helgoland wurden die Amphibienpanzer ausgesetzt, um auf der Insel zu landen und wieder an Bord zurückzukehren. Oberleutnant Skorzeny nutzte die Gelegenheit, um seinerseits eine Übung anzusetzen: Seine Kampftaucher pirschten sich an die Panzer heran und befestigten Haftminen-Attrappen. Leutnant Voß erzielte 100%, er fand das Schiff bei allen fünf Versuchen. Skorzeny schaffte immerhin 60%, da Wittmann Bescheid wußte, wehrte er zwei der fünf Angriffe erfolgreich ab.

Der Übungsbetrieb vor Helgoland sollte am nächsten Tag fortgesetzt werden, die Flugscheibe erhielt einen anderen Auftrag: Sie sollte die Überreste der Britischen Inseln erkunden und Siedlungen Überlebender aufspüren. Der verzweifelte Ausruf gepeinigter Deutscher, angesichts Hungerblockade und Bombenkrieg, "Gott strafe England", war grausame Realität geworden. Die Fluten hatten England vom Angesicht der Erde getilgt. Schottland hatte überlebt und unterhielt als unabhängiger Staat diplomatische Beziehungen mit dem Deutschen Reich. Wales und Cornwall existierten ebenfalls noch, doch bis jetzt hatte sich dort keine flächenübergreifende Organisation herausgebildet. Die Flugscheibe ermittelte somit einen aktuellen Zustand der Besiedelung, den das Reichsaußenministerium nur zu gerne entgegennahm.

Wittmann und Skorzeny setzten ihr Duell fort, auch in der Nacht. Zweimal gelang es Skorzeny, Wittmanns Truppe in einem nächtlichen Überfall auszulöschen, zweimal wurden die Angreifer rechtzeitig entdeckt und ihrerseits niedergemetzelt. Bei ihrem Einsatz an Land erlitten die Kampftaucher zwei Niederlagen: Sie hatten versucht, dem Spähtrupp Hinterhalte zu legen und waren von Wittmann rechtzeitig entdeckt worden.

Die SMS FRIEDENSTAUBE kehrte am 30. Mai nach Oldenburg zurück. Der Kapitän gab den Leuten den Nachmittag frei, nachdem diese ihre Ausrüstung gereinigt und für den morgigen Tag vorbereitet hatten. Am Morgen des 31. Mai stach das Schiff zu seinem eigentlichen Auftrag in See. Die Flugscheibe war nicht an Bord, beim Einbau der Optik hatte es einige Schwierigkeiten gegeben. Den Aufbruch am Skagerrak-Tag betrachtete die Besatzung als gutes Omen.

Leutnant Voß hatte die Abfahrt seines Schiffes verpaßt, er verließ zur gleichen Zeit Friedrichshafen in einer ballistischen Kurve, bei der er in den Weltraum vordrang. So erreichte er die FRIEDENSTAUBE, bevor diese deutsche Gewässer verließ. Kapitän Ritscher begrüßte ihn an Bord und überreichte ihm ein Telegramm des Oberkommandos der Luftwaffe, das dieses fliegerische Meisterstück mit einer scharfen Rüge kommentierte, jedoch keine wirkliche Strafe verhängte.

Die politische Lage im Westen hatte sich beruhigt. Die Reste der Niederlande hatten sich mit den Resten Flanderns zum Flämischen Königreich zusammengeschlossen. Wallonien gehörte zu Restfrankreich, dessen Nordwesten sich zur Republik Bretagne abgespaltet hatte, und dessen Süden das Fürstentum Okzidanien bildete. Die autonome Region Burgund hatte noch nicht entschieden, ob sie weiter bei Paris bleiben oder sich lieber dem Königreich Savoyen anschließen wollte. Spanien war in die baskische Euskadie, Katalonien, Kastilien und Aragon zerfallen, nur Portugal hatte sich gehalten. Die deutsche Schweiz hatte sich dem Reich angeschlossen, die französische Burgund und die italienische Savoyen. Die Rätoromanen hatten die freie Auswahl gehabt und sich der Vernunft gebeugt: sie gehörten ebenfalls zum Deutschen Reich. Italien war noch nicht zur Ruhe gekommen. Lombardo-Venetien hatte sich als Protektorat dem Reich angeschlossen, der Rest Norditaliens gehörte zu Savoyen. Sizilien bildete einen eigenen Staat, regiert durch eine Föderation der wichtigsten Mafia-Familien. Mittel- und Süditalien hatten sich noch nicht auf eine Staatsform einigen können. Die Trennlinie bildete das Aus-bruchsgebiet des Vesuvs, der Neapel vollständig zerstört hatte. In Rom wurde aktuell darüber diskutiert, sich als "Südmark" dem Reich anzuschließen oder wie Lombardo-Venetien ein Protektorat zu werden. Allerdings hatten weder das Deutsche Reich noch Savoyen allzu großes Interesse an dieser neuen Provinz.

Dies alles ließ die FRIEDENSTAUBE hinter sich. Sie fuhr mit gemächlichen 15 Knoten nach Westen, durch den ziemlich breit gewordenen Ärmelkanal. Kapitän Ritscher hielt die U-Boot-Ortung ständig besetzt; er erwartete zwar keine feindlichen Schiffe, mißtraute jedoch seinen veralteten Seekarten. Tatsächlich stimmte nichts mehr, allerdings hatte er deutlich mehr Wasser unter seinem Kiel als er erwartet hatte. Das Westeuropäische Becken war fünfhundert Meter tiefer als in den Karten verzeichnet. Zum Mittelatlantischen Rücken hin stieg der Meeresgrund steil an. Dort hatte die Lufterkundung durch Leutnant Voß bereits Land gemeldet, eine Inselgruppe mit mehr als zehntausend Quadratkilometern.

Die neue Inselgruppe lag nördlich der Azoren und wurde vom Golfstrom umspült, was ihr ein angenehmes Klima bescherte. Die TAUBE steuerte einen natürlichen Hafen an der Südküste der Hauptinsel an. Dort wurden die Amphibienpanzer ausgesetzt, um das Landesinnere zu erkunden.

Auf dem Schlickboden hatte sich bereits eine spärliche Vegetation angesiedelt, doch bis auf diese Gräser war die Insel kahl. Die Panzer teilten sich auf, um nach Wasser zu suchen. Ritscher schärfte Voß ein, sich auf reine Kartographie zu beschränken. Er selbst steuerte sein Schiff die Küstenlinie entlang.

Dr. Wohlthat bestand darauf, auf der T2-06 mitzufliegen. Er sollte später die Bodenbeobachtung übernehmen und wollte sich darauf vorbereiten. Kapitän Ritscher stimmte dem gerne zu, er erhoffte sich eine mäßigende Wirkung auf das ungestüme Temperament des Flugscheibenführers.

Dr. Wohlthat war ein unauffälliger, grauhaariger Mann, der zumeist graue Anzüge mit einer dezenten Krawatte trug. Schlank, 1,81m groß, hatte er es zu BRD-Zeiten nur bis zum Oberregierungsrat gebracht. Er hatte sich einen freien Geist bewahrt und es vermieden, sich einer der damaligen Parteien anzuschließen. Somit fehlte ihm das nötige Quentchen Protektion für eine Karriere.

Mit Dr. Wohlthat wußte damals niemand so recht etwas anzufangen, deshalb gab man ihm unwichtige, ruhige Dienstposten. Zumeist sollte er Übersetzungen der Dolmetscher auf Fehler prüfen, die sich aus der unterschiedlichen Rechtslage in anderen europäischen und außereuropäischen Staaten ergaben. Auf diese Weise bildete sich der Beamte in den Fremdsprachen fort. Bei Staatsbesuchen betreute er zumeist den Troß des angereisten Staatsgastes.

Als das Bundesaußenministerium von der aufgebrachten Bevölkerung gestürmt wurde, beachtete niemand das abgelegene Büro ohne Namensschild. Was als Schikane der Kollegen gedacht gewesen war, rettete Dr. Wohlthat damals das Leben. Als grauer, unauffälliger Mann verließ er das Bundesaußenministerium, packte in seiner Wohnung einen Koffer, begab sich zum Bahnhof und fuhr mit einem der letzten Züge nach München. Zu seiner Tante fuhr er von dort aus mit dem Fahrrad und überlebte auf deren Bauernhof die Umwälzungen.

In seinem letzten grauen Anzug, den er aus Berlin mitgebracht hatte, stellte er sich später bei der neuen Verwaltung vor, die Karl der Deutsche ins Leben gerufen hatte. Diese freute sich über einen leidlich erfahrenen, von den Wirrungen der Parteiendemokratie unbelasteten Diplomaten und übernahm ihn gerne in ihre Dienste.

Dr. Wohlthat setzte sich an den Prismenschirm der Flugscheibe. Das Reich lag in der Elektronik noch weit zurück, was vor zehn Jahren eine elektronische Kamera mit einem Flüssigkristall-Bildschirm gewesen wäre, bestand heute aus einer Linsenoptik, die in zwei Binokularen und einem rein optischen Sucher einmündete. Diese Konstruktion hatte die Flugscheibe noch einmal in die Werft zurückkehren lassen, die neue Optik war wesentlich schärfer als die alte.

Leutnant Voß, mit 1,73m eher klein und sehr schlank, ließ langsam anwachsende Spiralen fliegen, eine langweilige Aufgabe, die er seinem Kopiloten Oberfähnrich Friedrich Altemeier überließ. Er setzte sich zu Dr. Wohlthat und beteiligte sich an der Bodenbeobachtung.

"Herr Staatssekretär, was interessiert uns derart an dieser Insel, daß wir sie so intensiv erkunden? Bewohner dürften wir doch ganz sicher keine aufspüren?"

"Das wäre wirklich eine Überraschung mit der Wahrscheinlichkeit eines Lottogewinns", antwortete Dr. Wohlthat. "Soweit ich den Kapitän verstanden habe, dürften wir über das Impaktgebiet gefahren sein, also dem Punkt, an dem dieser Himmelskörper heruntergekommen ist. Der Ärmelkanal hat für Nordsee als Trichter gewirkt, deshalb haben wir die Folgen dieses Einschlags besonders heftig zu spüren bekommen. Auf den Azoren hat ziemlich sicher niemand überlebt, Portugal und die spanischen Nachfolgestaaten dürften ebenso mit sich selbst beschäftigt sein wie Westafrika.

Nein, Menschen treffen wir garantiert keine, dafür suchen wir viel wichtigere Dinge, beispielsweise Wasserquellen. Das da scheint eine zu sein." Der Jurist wies auf den Bildschirm. "Hier, das sieht nach einer Quelle aus."

Voß betrachtete das Gebiet mit seinem Binokular. "Ja, das sieht ganz so aus. Pawlik, melden Sie das an die Panzer."

"Wenn wir dort unten Süßwasser finden, eignet sich die Insel, um einen Stützpunkt zu errichten", erklärte Dr. Wohlthat. "Was wir nicht zu finden hoffen, sind Vulkane. Diese Inseln haben sich neu gebildet, der Mittelatlantische Rücken wurde angehoben. Das passiert in der Regel durch Vulkanausbrüche. Vulkanische Aktivitäten wären weniger erwünscht, höchstens als geothermische Energieversorgung. Bisher deutet nichts darauf hin."

"Wärmebildsensoren wären da sicher hilfreich", überlegte der Leutnant. "Zu dumm, daß wir keine haben."

Schweigend setzten sie den Erkundungsflug fort. Die Inselgruppe bestand aus der Hauptinsel, die etwa neun Zehntel der Landfläche auf sich vereinigte. Östlich gab es eine langgestreckte, vorgelagerte Insel, westlich zwei von ähnlicher Form, allerdings nur ein Drittel und ein Viertel so groß wie die östliche Insel.

"Wie hoch können Sie steigen, Herr Leutnant?"

"Laut Dienstvorschrift 1.000 Kilometer", erwiderte der Pilot. "Laut Handbuch 1.200 und nach meiner persönlichen Erfahrung 1.250."

"50 Kilometer dürften fürs erste reichen", meinte Dr. Wohlthat. "Ich hätte gerne einen persönlichen Überblick über die ganze Inselgruppe."

"Von mir aus gerne, wenn Sie das dem Kapitän ankündigen. Ich habe den Eindruck, daß der gerade keinerlei Flugkunststücke zu sehen wünscht."

Dr. Wohlthat lachte leise, er hatte natürlich erfahren, daß der Leutnant seine Flugscheibe recht eigenwillig erprobt hatte. Der Kapitän vergewisserte sich, daß tatsächlich der Staatssekretär diesen Ausflug vorgeschlagen hatte, bevor er ihn genehmigte. Leutnant Voß überließ die Steuerung weiterhin seinem Kopiloten.

Werner Voß hatte wahrscheinlich als Letzter das Glück gehabt, direkt nach der Flugschule eine eigene Flugscheibe zu übernehmen. Die zukünftigen Flugscheibenführer dienten zunächst als Oberfähnriche und Kopiloten, bis sie ihre eigenen Maschinen übernahmen. Dabei bedingte die Seriennummer der Flugscheibe ihre Seniorität. Der Oberfähnrich an Bord der T2-01 würde bald die T2-07 übernehmen. Altemeier würde auf die T2-12 warten müssen.

Der Oberfähnrich schraubte seine Flugscheibe nach oben, verband so den ersten Auftrag mit dem zweiten. Dr. Wohlthat und Leutnant Voß blieben an den Beobachtungsinstrumenten, sie hielten Ausschau nach Rauchfahnen, die auf Vulkane hinwiesen.

"Höhe 50.000 erreicht", meldete der Oberfähnrich.

"Bleiben Sie stehen", befahl Dr. Wohlthat.

Voß lächelte. "Der Staatssekretär hat bis auf weiteres das Kommando."

"So förmlich, Herr Leutnant?", wunderte sich der Beamte.

"Wir haben genug Zeit für Formalien", erwiderte Voß. "Also halten wir sie ein."

Sie betrachteten die Inseln intensiv. "Die vorgelagerten Inseln sehen fast wie Schutzmauern aus", bemerkte Voß.

"Ja – ich habe einen bestimmten Verdacht. Herr Altemeier, fliegen Sie bitte einen Kreis, 200 Kilometer Radius, in fünf Kilometern Höhe."

Der Kopilot flog einen ersten Kreis, um an Höhe zu verlieren, dann den zweiten, von Dr. Wohlthat gewünschten.

"Sehen Sie die Riffe?", stellte der Beamte fest. "Vor den vorgelagerten Inseln gibt es jeweils noch eine Untiefe."

"Ja", bestätigte der Leutnant.

"Ich glaube fest, daß wir uns über vulkanische Aktivitäten nicht zu sorgen brauchen", stellte Dr. Wohlthat fest. "500 Kilometer nach Westen und 50 Kilometer Höhe würden meinen Verdacht erhärten, die endgültige Bestätigung erfordert allerdings Lotungen der FRIEDENSTAUBE."

"Du hast es gehört", sagte Voß zu seinem Kopiloten. Sie hatten die Flugschule zusammen besucht und sich dort die vertraute Anrede angewöhnt. "Die eine Stunde haben wir noch."

Am Abend fand in der Offiziersmesse der FRIEDENSTAUBE eine Besprechung statt. Skorzeny hatte die Umgebung mit seinen Männern zu Fuß erkundet, Wittmann größere Strecken mit den Panzern. Die Schätzung der Flugscheibe hatte deutlich daneben gelegen, die Hauptinsel maß etwa 200 Kilometer in Ost-West-Richtung und 300 Kilometer in Nord-Süd-Richtung, sie war mindestens 50.000 Quadratkilometer groß. Der Nordteil und der Südteil waren breiter, in der Mitte wies die Insel eine Art Wespentaille mit einem etwa 1.400 Meter hohen Gebirgszug auf.

Sowohl die Panzer als auch die Fußtrupps hatten Süßwasser gefunden, außerdem berichteten sie von Erzadern. Die Insel eignete sich somit zur Besiedelung und als zukünftiger Flottenstützpunkt.

Danach bat Dr. Wohlthat ums Wort. "Meine Herren, dank der Lufterkundung habe ich eine Theorie, wie diese Insel entstanden ist. Sie müßte allerdings noch durch Lotungen bestätigt werden, die wir auf unserem Weg nach Westen ohnehin vornehmen.

Wie es aussieht, hat ein doppelter Impakt stattgefunden, im Wesentlichen zeitgleich und nahe beieinander, im östlichen und im westlichen Atlantik. Die Auswirkungen des östlichen Impakts haben uns in Europa betroffen, die des westlichen wurden dadurch von uns abgeschirmt. Die Asteroiden haben zwei Krater erzeugt, und deren Ringwälle wurden zusammengeschoben, genau hier. Die Überlagerung bildet die Inselgruppe, wie ein Interferenzmuster.

Die Form der Hauptinsel legt das nahe, wir haben außerdem zwei weitere Wellen aufgespürt. Eine hat die vorgelagerten Inseln aufgeworfen, die zweite hat für Untiefen gesorgt, die wiederum diesen Inseln vorgelagert sind. Es entspricht nicht unserem alltäglichen Erleben, doch Gestein verhält sich bei genügend großen Kräften ähnlich einer Flüssigkeit.

Meine Herren, was wir hier gefunden haben, ist ehemaliger Meeresgrund, der durch die Einschläge ordentlich durchgeknetet worden ist. Der Mittelatlantische Rücken ist eine Aufstromzone aus größeren Erdtiefen, wir dürfen deshalb erwarten, daß wir Minerale vorfinden, die mit nach oben getrieben worden sind. Ich möchte es griffig formulieren: Wir sitzen auf einem Stück Natur, das voller Rohstoffe steckt, die bislang noch kein Mensch ausnutzen konnte. Ich weiß nicht, was wir konkret finden werden, aber – es lohnt sich! Dessen bin ich mir ganz sicher."

Kapitän Ritscher nickte lächelnd. "Herr Staatssekretär, ich danke Ihnen für Ihre Meinung. In Ihrer Akte steht leider nicht, daß Sie Hobbygeologe sind. Deshalb entschuldigen Sie meine Nachfrage: Was macht Sie so sicher?"

"Prof. Dr. Dr. Wolfgang Wohlthat, mein Vater." Der Beamte lächelte freundlich zurück. "Professor für Geologie an der TU München. Er hat während meiner Schulzeit sehr viel getan, um mich für sein Fachgebiet zu begeistern. Mit so großem Erfolg, daß ich mich zu seinem Leidwesen für die Juristerei entschieden habe. Ein paar Grundlagen sind hängengeblieben, ich bin jedoch weit davon entfernt, mich als Geologen zu bezeichnen, nicht einmal als Amateurgeologen."

Der Kapitän folgerte: "Das heißt, wir haben hier ein wertvolles Stück Land, unbewohnt, und wir sind die Ersten, die es entdeckt und betreten haben. Folglich spricht nichts dagegen, es für das Reich in Besitz zu nehmen?"

"Richtig, Herr Kapitän, genau das sollten wir tun."

Der Kapitän legte den Kopf etwas schief und wandte sich an den Kampftaucher. "Skorzeny, Sie können doch bestimmt ein kleines Loch in den Fels sprengen, um darin einen Fahnenmast zu verankern?"

"Natürlich, Herr Kapitän."

"Sehr gut. Wir führen außerdem Ausrüstung für ein erstes Zeltlager mit uns. Suchen Sie den Kameraden der künftigen Schutztruppe ein nettes Fleckchen aus." Ritscher wandte sich an den Zivilisten. "Herr Dr. Wohlthat, trauen Sie sich zu, Erzadern zu erkennen?"

"Nicht umfassend, aber ein paar schon."

Der Kapitän nickte. "Sie haben die Wahl – Wittmanns Panzer oder Voß' Flugscheibe. Was ist Ihnen lieber?"

"Herr Wittmann kann die Flugscheibe jederzeit herbeirufen, ich denke, mit Herrn Voß bin ich beweglicher. Am Vormittag möchte ich mir den Bergrücken ansehen, das geht nur zu Fuß."

Skorzeny meldete sich. "Herr Doktor, wenn Sie da herumklettern wollen, möchte ich Ihnen Feldwebel Winkler mitgeben. Zu Ihrem Schutz und als sichernder Bergsteiger."

"Gerne, Herr Oberleutnant."

"Sehr schön", kommentierte Ritscher. "Voß, Sie bringen den Herrn Doktor ins Gebirge und anschließend probieren Sie die neuen Luftbild-Apparate aus. Ich möchte eine brauchbare Karte der Insel, die wir ans Oberkommando weiterleiten."

Dr. Wohlthat hatte noch mehr auf dem Herzen. "Ich habe vor, Bodenproben zu nehmen, kann diese aber nicht analysieren. Wenn Herr Voß die Karten nach Köln bringt, sollte er auch die Bodenproben mitnehmen."

"In Ordnung", bestätigte der Kapitän. "Nach Hause fliegen Sie allerdings erst übermorgen."

Kapitän Ritscher schickte noch am gleichen Abend einen Bericht an das Oberkommando der Marine. Über Kurzwelle, im Marinecode, in alten, morseähnlichen Zeichen. Allerdings nicht mit einer Funktaste, sondern auf einer Art Schreibmaschine, so wie auf der Empfängerseite ein Fernschreiber den Klartext ausdruckte. Die Reichsmarine wußte, daß ihr Code nicht besonders gut war, die frühere Rechnertechnik hätte ihn schnell geknackt, doch die Marine ging davon aus, daß diese Technik nirgendwo auf der Welt noch genutzt wurde. Ein paar Tage würden die Kryptologen sicher benötigen.

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