Das neue Reich 3

Kampf um die Erde

148 Seiten,

signiert und mit Widmung beim Autor

9,90 Euro

ISBN n.n.

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2 Exemplare: 21,50 / 3 Exemplare 31,50

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Inhaltsverzeichnis

Blühende Landschaften. . . . . . . . . . .5

Die Erben Sun Tzus. . . . . . . . . . . . . .17

Aufklärung. .. . . . . . . . . . . . . . . . . . .23

Die erste Schlacht. . . . . . . . . . . . . . .36

Vernichtungsschlag. . . . . . . . . . . . . .46

Forschungspause. . . . . . . . . . . . . . .54

SMLK SCHARNHORST. . . . . . . .. . . .73

Nadelstiche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80

Birobidschan. . . . . . . . . . . . . . . . . . .96

Kampf um das Reich . . . . . . . . . . . .122

Und siehe, ich mache alles neu . . . .135

Liste der handelnden Personen . . . 144

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Blühende Landschaften

Die kleine Nebenerwerbs-Winzerei ein Weingut zu nennen, wäre übertrieben gewesen, doch zu ihr gehörten ein geräumiges Wohnhaus, ein Weinkeller und Wirtschaftsgebäude. Mit 70 war Alfons Müller in Rente gegangen, seitdem widmete er sich seinen Weinbergen. Den größten Teil der Ernte lieferte er bei der Winzergenossenschaft Edenkoben ab, die beiden besten Lagen kelterte er selbst und verkaufte sie an Kunden, die diesen Wein schon seit Jahrzehnten bezogen.

Sein Vater hatte noch davon geträumt, daß die Pfalz eines Tages wieder zu Bayern käme, deshalb trug sein Sohn einen bayerischen Vornamen, und in seiner Kindheit hatten sie jeden Sommer einen Ausflug zum Denkmal König Ludwigs I. gemacht. Zwar gab es jetzt wieder einen Kaiser, doch Bayern war kleiner geworden, die drei fränkischen Regierungsbezirke waren zu einem eigenen Reichsland aufgewertet worden. Nach der großen Katastrophe hatte kaum jemand in Norddeutschland überlebt, folglich hatte die Reichsregierung die Länder neu geordnet. Die Rheinpfalz hatte das Saarland und Teile Nordbadens dazugewonnen, insbesondere die Stadt Mannheim.

Die Familie Müller hatte schon das Weihnachtsfest in Edenkoben zusammen gefeiert. Der ältere Sohn arbeitete im Ort bei der Firma Gillet, die nach wie vor Auspuffanlagen produzierte. Sie hielt das Patent zur Abscheidung des Silizium-Dioxids, das bei der Verbrennung der Silan-Kraftstoffe anfiel. Der Fahrer eines solchen Automobils zog beim Tanken eine Art Schaufel aus seinem Auspuff und kippte den Quarzsand in den Sammelbehälter der Tankstelle.

Der jüngere Sohn arbeitete in Mannheim bei Bopp & Reuter. Deren neuestes Produkt war eine Anlage zur Methan-Synthese. Kompostierbare Abfälle wurden in einem Bio-Reaktor vergoren und erzeugten so „Stadtgas“, das anschließend elektrisch gefiltert und aufbereitet wurde. Noch immer wollten viele Deutsche mit Gasherden kochen, obwohl diese Verbrauchsgebühren kosteten. Der elektrische Strom hingegen wurde zu einem niedrigen Festpreis je nach Wohnungsgröße geliefert. Die Vril-Reaktoren erlaubten diesen günstigen Strompreis.

Leon – Alfons hatte für seine Söhne die garantiert unbayerischen Namen Kevin und Leon gewählt, was seine Söhne ihm mittlerweile verziehen hatten – war nach Mannheim zurückgekehrt. Er hatte die Tage „zwischen den Jahren“ nicht frei bekommen, da Bopp & Reuter ostafrikanische Arbeiter beschäftigte, die der fachlichen Anleitung bedurften. Am 1. September hatte sich der unabhängige Staat Tansania auf eigenen Wunsch als Kolonie Deutsch-Ostafrika dem Reich angeschlossen. Seit Oktober wurden Woche für Woche 80 männliche Kolonialbürger mit ihren Familien ins Reich geholt, um dort eine qualifizierte Ausbildung zu durchlaufen.

Die Verträge lauteten auf fünf Jahre, in denen die Schwarzen als Gastarbeiter zu verringertem Lohn in Deutschland dienten. Sie erhielten ein Drittel des Lohns ihrer deutschen Kollegen ausbezahlt, ein weiteres Drittel in Form von Kost und Logis, das letzte Drittel wurde als Rückkehrprämie angespart und sollte ihnen eine Existenzgründung in der Heimat ermöglichen.

Die Arbeiter lernten Deutsch, die künftige Sprache Ostafrikas, erhielten Berufsschul-Unterricht und sollten am Ende mit Gesellenbrief und mittlerer Reife zurückkehren. Ihre Frauen bekamen ebenfalls Unterricht, ihr Schwerpunkt lag auf Hauswirtschaft und Familienfürsorge. Sie arbeiteten zudem halbtags, da nur Familien mit schulpflichtigen Kindern nach Deutschland gebracht wurden. Die Kinder besuchten nach einem Förderjahr reguläre deutsche Schulen.

Im Gegenzug errichteten Deutsche Mustergüter in Afrika. Dort wurden Einheimische als Knechte und Mägde beschäftigt, um nach einem Jahr in einer Art landwirtschaftlicher Genossenschaft im Bereich des Gutshofes eigenes Land zu bewirtschaften. An den Gutshof wurde eine Schule angegliedert, später sollte daraus ein Dorfzentrum entstehen. Das Reich wollte keine Kolonial-Neger heranzüchten, sondern Deutsche schwarzer Hautfarbe erziehen.

Die Familie hatte das Abendessen auf sieben Uhr gerichtet, was Leon genug Zeit ließ, um aus Mannheim herüberzufahren. Die Autobahnen waren längst ausgebessert worden, das Straßennetz in einem besseren Zustand als in der Spätzeit der Demokratie. Es gab deutlich weniger Autos als damals, Leon Müller gehörte als Werkmeister schon zu den Privilegierten.

Um acht Uhr versammelte sich die Familie ums Radio, um die Neujahrs-Ansprache des Kaisers zu hören. Seine Majestät dankte für die geleistete Arbeit, stellte erfreut fest, daß es dem Reich gut ginge und es im nächsten Jahr noch besser würde. Dann ging er näher auf das bevorstehende Jahr 2030 ein. Die Erdrotation habe sich nach dem Durchgang der Nemesis beschleunigt, die Tage seien geringfügig kürzer geworden. Deshalb würde 2030 der Kalender ausgeglichen. Alle Monate dieses Jahres hätten deshalb 31 Tage.

Nemesis… Die Erwachsenen erinnerten sich alle an diesen Boten der Vernichtung, der 2018 bedrohlich am Nachthimmel erschienen war. Die Wissenschaftler hatten die Menschen beruhigt, Nemesis würde die Erde knapp verfehlen, trotzdem hatte damals allgemeine Angst vorgeherrscht, durchmaß dieses Objekt doch 2.200 Kilometer. Nemesis hatte die Erde tatsächlich verfehlt und war wieder in den Weltraum entschwunden, für 13 Millionen Jahre. Doch das, was Nemesis mitgebracht hatte, einige Asteroiden, hatte die Erde getroffen und sie für immer verändert. Prag war zerstört worden, zwei noch größere Brocken waren in den Atlantik gestürzt. Ihre Flutwellen hatten sich überlagert und Deutschland bis in die Höhe von Mainz überrollt. Sie hatten nur ein Gutes mit sich gebracht: diese Einschläge beendeten den dritten Weltkrieg. Die Russen, die Deutschland besetzt hatten, wurden von ihnen vernichtet.

2030 sollte die 50-Stunden-Woche gelten, mit freien Samstagen und Sonntagen. In der ersten Phase des Wiederaufbaus, 2020, hatte die Regelarbeitszeit 72 Stunden betragen, bei einer Sechs-Tage-Woche. 2024 hatte das Reich mit der 66-Stunden-Woche den halben Samstag freigegeben, 2027 mit der 55-Stunden-Woche die Arbeitsbelastung deutlich reduziert. Und jetzt wurde das freie Wochenende wieder einführt. Alles ähnelte der Zeit des Wirtschaftswunders. Alfons Müller hatte auch bei Gillet gearbeitet, er war in die SPD und die Gewerkschaft eingetreten. Dort hatte er sich für die Vergangenheit und die Arbeiterbewegung interessiert, doch zu seiner Zeit hatte es keine großen Arbeitskämpfe mehr gegeben. Als Jugendlicher hatte er gegen Wyhl und Wackersdorf protestiert, um dann, zerzaust, verdreckt und noch etwas feucht von den Wasserwerfern, nach Hause zurückzukehren und dort einem wütenden Vater gegenüberzutreten.

Unter Kanzler Schröder war Alfons Müller noch treuer Parteisoldat gewesen, und natürlich hatte er gegen Merkel gekämpft. Doch nach seinem Gefühl war damals vieles falsch gelaufen, und er hatte erste Zweifel an der SPD gehabt. Seine Söhne waren CDU-Mitglieder gewesen, schon allein aus Rebellion gegen den Vater. Sie hatten für Merkel gekämpft, um dann enttäuscht festzustellen, daß nichts gehalten wurde, was immer sie versprochen hatte. Nach der Bundestagswahl 2013 hatten die drei Müllers hier im Wohnzimmer zusammengesessen und beschlossen, ihre Parteiausweise zurückzugeben.

Den Kaiser hatten sie als Rückschritt empfunden, Treugott Rechtschaffen als dessen Kettenhund, als Feind des Volkes. Die 72-Stunden-Woche war für sie Fronarbeit, und nur ihre Müdigkeit hatte sie davon abgehalten, nach Köln zu fahren und dort zu protestieren. Kevin und Leon waren damals in der „Verfügungsreserve“ gewesen, sie hatten ein paar Wochen bei einem Bauern als Knechte gearbeitet, die nächste Zeit im Straßenbau Schäden ausgebessert und zeitweise sogar in Ludwigshafen in einem Chemiewerk Maschinen repariert. Alfons war als Teilzeit-Winzer bei Gillet beschäftigt worden, Trümmer beseitigen und Maschinen auseinandernehmen, um sie wieder für die Produktion herzurichten. „Reichsarbeitsdienst“ hatten sie das damals genannt, als Beschäftigungstherapie verflucht.

Alfons hatte die Delegation aus Köln gesehen, drei Männer in dunklen Anzügen, die in einem Mercedes nach Edenkoben chauffiert worden waren. Am Tag danach hatte die Geschäftsleitung neue Anweisungen gegeben. Die Produktion sollte wiederaufgenommen werden, mit einem ganz neuen Produkt! Kevin und Leon wurden nach Edenkoben beordert, denn Gillet benötigte jetzt jede helfende Hand.

Alfons wußte genau, wie es jetzt weiterging: Bald würde die Geschäftsleitung im Anzug herumlaufen und im Mercedes herumfahren, die Eigentümer ihre Villen renovieren, und bei Betriebsfeiern erschiene ein wohlgenährter Parteibonze oder eine ebensolche Hofschranze.

Alfons’ Erwartung hielt bis zur ersten Betriebsversammlung, als die erste Silan-Abscheider-Auspuffanlage ihre Abnahmeprüfung absolviert hatte. Da kam tatsächlich eine Hofschranze, ein junger, schlanker und sportlicher Mann namens Dr. Werner Winheim, damals noch Oberregierungsrat im Ministerium für Industrie, Technologie und Außenhandel. Dieser erklärte, daß die Firma Gillet in eine Kommandit-Gesellschaft umgewandelt worden sei. Die früheren Eigentümer, so sie noch auffindbar seien, seien nicht in der Lage, die Grundsteuer oder andere Abgaben zu leisten, weshalb das Reich sie abgefunden habe. Das Reich sei ab sofort der Komplementär der neuen KG, jeder Arbeiter hingegen ein Kommanditist. Für jedes Jahr zukünftiger Betriebszugehörigkeit erhalte ein Beschäftigter, ganz gleich in welcher Funktion, einen Kommanditanteil. Für die Jahre bis einschließlich 2017 gebe es maximal fünf solcher Anteile. In Zukunft bestimme die Versammlung der Kommanditisten das Wohl und Wehe der Firma. Der Betriebsgewinn nach Steuern würde fortan so aufgeteilt: Ein Drittel erhielten die Kommanditisten, ein Drittel sei Investitionsrücklage für den Betrieb und ein Drittel ginge an den Komplementär, also das Reich. Weitere Regelungen stünden in einem Reichsgesetz zur inneren Verfassung deutscher Betriebe.

Alfons besorgte sich dieses Betriebsverfassungsgesetz und las es mit immer größer werdenden Augen. Staatskapitalismus, volkseigener Betrieb – und zugleich unternehmerische Verantwortung durch jene, die den Betrieb am besten kannten. Leon wollte nicht bei Gillet bleiben, er arbeitete noch vier Jahre in der Verfügungsreserve, bis er eine Anstellung bei der Bopp & Reuter KG in Mannheim fand. Dort wurde nach demselben Betriebsverfassungsgesetz gehandelt, das Reich baute demnach ganz gezielt Volkseigentum auf.

Alfons Müller hatte sich 2021 entschieden, ab jetzt Monarchist zu sein. Er besuchte noch einmal das Denkmal König Ludwigs I., nur um festzustellen, daß die Monarchie wesentlich moderner geworden war als zu königlich-bayrischen Zeiten. Und nachdem er seine erste Gewinnbeteiligung als Kommanditist erhalten hatte, fand er sich sogar mit Reichskanzler Rechtschaffen ab.

Der Kaiser sicherte in seiner Rede den Stundenlohn-Empfängern einen Gehaltsausgleich zu. Darüber hatte die Betriebsversammlung bei Gillet schon befunden. Anstatt den Stundenlohn um neun Prozent zu erhöhen, begnügte man sich lieber mit drei Prozent und verlängerte stattdessen den Betriebsurlaub um eine Woche. Angestellte, die ein Monatsgehalt erhielten, mußten dafür auf vier Prozent ihres Gehalts verzichten. Das war ein Kompromiß, da die Angestellten zum einen in den vollen Genuß der wöchentlichen Arbeitszeitverkürzung kamen, zum anderen im nächsten Jahr fünf dieser Monate länger waren als üblich.

In früheren Zeiten hätten die Gewerkschaften gegen solche Regelungen gehetzt, auf ihr Recht auf einen einheitlichen Tarif bestanden. Heute hatte es zwar eine stundenlange Diskussion gegeben, am Ende aber eine einvernehmliche Lösung. Die Winzer Edenkobens bevorzugten freie Tage, um sich um ihre Weingärten zu kümmern, die Städter Mannheims hatten sich für das Geld entschieden.

Die Ansprache endete mit der ersten Strophe der Kaiserhymne. Da Friedrich IV. nicht wirklich zugegen war, wurde nur diese Strophe gespielt. Die Müllers – auch die Enkelkinder – standen auf und sangen diese Hymne mit, so wie Millionen Deutsche im Reich und in vielen Teilen der Welt. Die Müllers empfingen die Sendung auf Mittelwelle, doch seit Mitte Oktober stand bereits die Zukunft am Himmel: Himmelsbote 1, der neue deutsche Fernseh-Satellit. Im Moment sendete er nur ein einziges Fernseh- und auch nur ein einziges Radio-Programm, doch dieses empfingen die Deutschen in Hyperborea, auf Atlantis, im Reich und in Ostafrika. Zwar nur ein paar wenige, die schon Satelliten-Empfänger besaßen, doch 2030 würden es mehr werden, deutlich mehr.

* * *

Die Beförderung zum Hauptmann ab dem 1. Januar 2030 war Ritter Werner von Voß natürlich willkommen. Auch mit der Ernennung zum Staffelkapitän hatte er gerechnet, da die Luftwaffe unter einem eklatanten Mangel an Offizieren litt. Seit dem gleichen Datum stand ein Brigadegeneral der Luftwaffe vor, denn Oberst Loewenhardt hatte ebenfalls jene Beförderung erhalten, die dem Gewicht seiner Teilstreitkraft entsprach.

Hauptmann Voß fühlte sich bei seiner neuen Einheit eher fehl am Platz. Er hatte auf eine Phantom gehofft, einen schnellen, wendigen Jagdflieger, stattdessen kommandierte er jetzt einen Zeppelin. Und davon auch noch das größere, schwerfälligere Modell, den Lasten-Zeppelin.

Das hatte er jedenfalls seinen Eltern erzählt. Die Zeppeline des neuen Deutschen Reiches waren keine Luftschiffe mehr, deren Auftrieb durch Traggas erfolgte, sondern ein 350 Tonnen schwerer Flugkörper aus dem besten Panzerstahl, den die Krauss-Maffei KG verkaufte.

Lasten-Zeppeline der Lufthansa transportierten acht Reichscontainer, eine Nutzlast von 256 Tonnen. Voß flog eine Maschine, die mit einem L-Zepp nur die Grundkonstruktion teilte, den Gitterrahmen. Das 60-Meter-Schiff verfügte über einen Tesla-Generator, der 200.000 PS für den Antrieb zur Verfügung stellte. Eine Repulsine Typ C und drei Repulsinen Typ B wandelten dies in 3.088 Kilonewton Schub um. Den Auftrieb lieferten drei Kasimir-Scheiben, die es dem Zeppelin erlaubten, senkrecht zu starten und zu landen. Die vordere Kasimir-Scheibe, unterhalb der Mannschaftsräume, diente zudem als Andruckneutralisator, sonst hätten extreme Manöver die Besatzung getötet.

Ein Schlacht-Zeppelin war mit vier Kammler-Kanonen Kaliber 60 mm bewaffnet, eine für Frontal-, eine für Boden-Beschuß, die beiden anderen in Gondeln für die Rundum-Verteidigung. Jede dieser Kanonen besaß eine eigene Energieversorgung, was die Kapazität des Zeppelins um weitere 70.000 PS erhöhte. Außerdem führte er 24 Donnerkeil-Luft-Luft-Raketen und 40 Bomben zu jeweils einer Tonne mit sich.

Die Besatzung eines S-Zepp bestand aus zwölf Mann, sechs Kanoniere, zwei Piloten, Bordingenieur, Navigator, Funker und Kommandant. Die Besatzung genoß den spartanischen Komfort eines altmodischen Unterseebootes, ausgelegt für eine Einsatzdauer in der Luft oder im Weltraum bis zu einer Woche.

Anständige Flugzeuge trugen Bezeichnungen wie XB-70A, sie bekamen ihre inoffiziellen Namen von ihrem Piloten, und dieser trug keinen Namen, sondern ein Rufzeichen. Dieses Luftschiff trug die Werftnummer LZ-004S, den offiziellen Namen RICHTHOFEN, und für Voß gab es einen schönen, bequemen Kommandantensitz, ohne einen einzigen Schalter oder Regler, um diesen Zeppelin zu steuern oder wenigstens seine Waffen abzufeuern. Voß fragte sich, wie lange diese Maschinen zur Luftwaffe gehörten, bevor das Oberkommando entschied, daß sie besser zur Marine paßten.

Die Feuerkraft der RICHTHOFEN hätte ausgereicht, um den zweiten Weltkrieg zu entscheiden. Sie hätte ganz allein in der Luftschlacht um England die britische Verteidigung ausgeschaltet, den Kessel von Stalingrad freigekämpft, die britischen und amerikanischen Bombergeschwader aus dem Himmel gefegt oder die Landung in der Normandie zu einem blutigen Desaster für die Alliierten werden lassen. Innerhalb der Atmosphäre zerstörten die Kammler-Kanonen gegnerische Flugzeuge noch in 100 Kilometern Entfernung, Kampfpanzer knackten sie aus zehn Kilometern Höhe. Die Plasma-Ladungen schossen mit 92% der Lichtgeschwindigkeit auf das Ziel zu, Vorhaltewinkel brauchten nicht berücksichtigt zu werden, ein Ausweichen war nicht möglich.

Die Zeppelin-Werft vollendete in diesen Tagen die LZ-006S, sie würde nach Ilmenau fliegen, dort ihre Bewaffnung erhalten und als MARSEILLE zurückkehren. Die LZ-007 entstand parallel, als Last-Zeppelin für die Lufthansa, danach kamen die LZ-008S (RUDEL), die LZ-009 und die LZ-010S (IMMELMANN).

Für die RICHTHOFEN war am 14. Januar 2030 der finale Test angesetzt worden. Dieser Test betraf die automatische Zielerfassung und -verfolgung, war dieser abgeschlossen, würde die RICHTHOFEN die Waffenerprobungsstation Seelow verlassen und offiziell ihren Dienst bei der Luftwaffe antreten.

Voß hatte den Test erweitert und für seine Mannschaft Bereitschaft in der Unterkunft angeordnet. Um 8:47:00 Uhr gab er Alarm. Die Männer ließen alles fallen, was sie gerade in den Händen gehabt hatten, und rannten hinüber zum Zeppelin. Die Funkzentrale schickte einen Codespruch an den Bordrechner, der daraufhin den Alarmstart vorbereitete. Der Vril-Reaktor wurde hochgefahren, während die Besatzung ihre Positionen einnahm. Laut Sicherheitsprotokoll mußte der Pilot durch die Eingabe eines achtstelligen Codes die Kommandopulte entsperren. In dieser Zeit fuhr der Rechner die Tesla-Generatoren hoch, und zwar alle gleichzeitig, auch die Waffenversorgung. Um 8:52:16 Uhr bekam Voß das Signal, daß seine Maschine startbereit war. Er hob sofort ab und begann den Steigflug mit Vollschub. Er lenkte die Maschine nach Südosten, in weitgehend unbesiedeltes Gebiet. Der Überschallknall betraf trotzdem die ganze Region. Die RICHTHOFEN stieß in den Weltraum vor.

Um 8:53:57 Uhr meldete die Angriffsortung 32 Ziele. Die Artillerie in Preußisch-Stargard hatte zwei Gruppen Täuschkörper in 40 Kilometer Höhe plaziert, die einen aus Metall, die anderen aus Holz, für normales Radar unsichtbar. Nur das brandneue Phalanx-2-Radar, der ganze Stolz des Professors Drude, schaffte es, Holz im Weltraum zu erfassen. Die Kanoniere gaben Feuer frei, ohne weitere Aufforderung. Fünfzehn Sekunden später waren die Ziele ausgeschaltet, ohne einen einzigen Fehlschuß.

„Sieben Minuten, zwölf Sekunden“, las Voß ab. „Meine Herren, das ist ein ausgezeichnetes Ergebnis. Die Vorwarnzeit bei ballistischen Raketen wurde früher bei 15 Minuten angesetzt, wir wären also in der Lage, einen solchen Angriff abzuwehren, selbst, wenn wir nicht im Manövergebiet sind. Herr Kraftschick: Sehr gute Arbeit, danke, die Notstart-Automatik ist Ihnen gelungen.“

Uwe Kraftschick fungierte auf diesem Flug als Funker, seine eigentliche Aufgabe war die eines Programmierers. Er hatte in Seelow die Steuerpro-gramme für die Kammler-Kanonen entwickelt und auf besonderen Wunsch des Kommandanten die Alarmstart-Funktion der RICHTHOFEN programmiert.

Voß hatte zwei weitere Manöver angesetzt. Für das erste nahm er direkten Kurs auf den Mond. Die RICHTHOFEN hatte den Mond schon einmal besucht, und auch dieser Besuch war nicht in Freundschaft erfolgt.

„Auf erkannte Ziele – Feuer frei!“

Beim ersten Besuch vorgestern hatte der Zeppelin 20 Bombenattrappen auf die Rückseite des Mondes abgeworfen, die sich zu Halbkugeln aufgeblasen hatten. Damit hatte die Besatzung die Trefferlage bei Bombenzielen bestimmt. Heute stellten diese Kuppeln Bodenziele dar, welche die Kanoniere aus 20 Kilometern Höhe bekämpften.

Nach dieser Übung stieg die RICHTHOFEN eine Million Kilometer über die Ebene der Planetenbahnen und nahm Kurs auf die Sonne. Mit diesem Kurs führte Voß ein besonderes Manöver aus: er legte einen Bombenteppich in den Weltraum. Was auf der Erde ganz einfach gewesen wäre – Bombenschächte auf und Bomben freigeben – wurde in der Schwerelosigkeit zu einem Spiel mit der Massenträgheit. Die Schwerkraft der vorderen Kasimir-Scheibe erstreckte sich nicht auf die Bombenschächte. Ein ruckartiges Manöver würgte die Bomben hervor, allerdings immer nur ein paar davon. Wilde Bocksprünge rüttelten nach und nach alle frei. Ein Funksignal ließ die Bomben zünden, zerbrach 40 Produkte der Handwerkskunst Seelows in 120 Projektile, die wild durch den Raum wirbelten, mit der allgemeinen Richtung auf das Zentralgestirn.

Voß setzte sich mit voller Geschwindigkeit in entgegengesetzter Richtung ab. 20.000 Kilometer weiter drehte er um. „Auf erkannte Ziele Feuer frei!“

Die RICHTHOFEN flog mit voller Beschleunigung auf den „Feind“ zu und näherte sich mit 18.000 Knoten Relativgeschwindigkeit. Das entsprach in etwa dem Angriff einer Anzahl Mehrfachsprengköpfe in der Erdumlaufbahn, welche der Zeppelin abwehren sollte. Die Kanonen feuerten automatisch, sobald ein Ziel näher als 300 Kilometer gekommen war. Das Abfangmanöver dauerte 36 Sekunden, der Pilot führte zwei Kurskorrekturen durch, um auch abgetriebene Ziele in Reichweite zu bekommen.

Die Trümmerwolken trieben durch den Weltraum davon, in Richtung Sonne. Dort würden sie rückstandslos beseitigt. Auf dem Rückflug zur Erde fragte sich Voß, ob andere Besatzungen jemals derartige Übungen fliegen würden. Sobald die Rechnertechnik dafür wieder zur Verfügung stand, würde sehr viel in Simulatoren stattfinden. Andererseits, so arg hatte sich dieses Manöver von einer Simulator-Übung nicht unterschieden. Die Schwerkraft-Kompensation raubte einem das Gefühl des Fliegens und der Beschleunigung. Mit seiner alten T2-06 hatte er noch die volle Kontrolle gehabt, mit eigenem Finger den Abzug betätigt. Mit der RICHTHOFEN genügte es, dem Ziel nahe zu kommen, den Rest erledigte die Automatik. Warum Raketen ausweichen, wenn die eigenen Geschütze diese aus dem Himmel fegten? Ein Angriff auf Annapolis mit einem solchen Schlachtzeppelin wäre keines Ordens, ja kaum einer Zeitungsmeldung wert gewesen. Kein Zweifel, er erlebte gerade das Ende der Fliegerei.

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