Einstufung Alpha Null

„Lassen Sie mich vor, als Beta Zwo ist meine Zeit kostbar!“

Hans Meier schenkte dem alten Mann mit den einfachen Kleidern, der gerade sein altes Auto von der Inspektion abholen wollte, einen bedauernden Blick. Natürlich begehrte dieser Alte nicht auf, es hätte auch keinen Sinn gehabt. Der technische Direktor des städtischen Kraftwerks hatte Vorrang. Seine große Limousine war bereits vorgefahren worden und ein Lehrling polierte noch ein paar Flecken, womöglich hoffte er auf ein Trinkgeld.

Hans wußte, daß er vergeblich hoffte. Vor dem großen Umbruch, ja, da hätte ein reicher Mann vielleicht eine Münze abgegeben, doch heute hing alles von der persönlichen Einstufung ab, da war niemand mehr großzügig.

„Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit!“, drängte der Direktor, worauf Hans sich bemühte, so schnell zu arbeiten, wie es der Rechner zuließ. Wenn ein Beta Zwo sich über einen Gamma Vier beschwerte, brauchte der Gamma Vier mehr Glück, als Hans in seinem ganzen Leben gehabt hatte.

„Hier, bitte, Herr. Ihr Wagen ist fertig.“

„Das hätte wirklich schneller gehen können“, knurrte der Direktor, unterschrieb die Rechnung und sprang auf. Hans blickte ihm nach, wie er zur gläsernen Tür eilte, die ihm der Lehrling bereitwillig aufhielt. Dafür bekam er nicht einmal ein dankbares Nicken, aber wenigstens wurde er nicht angeschnauzt.

Hans atmete tief ein und wandte sich seinem anderen Kunden zu. „Ihr Fahrzeug ist fertig, aber ich kann es Ihnen erst aushändigen, wenn ich Ihren Ausweis gesehen habe.“

„Wie bitte? Meinen Ausweis? Den habe ich hier noch nie vorzeigen müssen!“

Hans prüfte die Einträge und stellte fest, daß dieses Fahrzeug schon vor dem Umbruch hier gewartet worden war. Damals hatte der Besitzer noch per Bankeinzug bezahlt, doch jene Bank existierte nicht mehr. Schon seit elf Jahren bezahlte er bar, einer der wenigen Kunden, die das taten.

„Das ist eine neue Bestimmung, an der ich nichts ändern kann“, seufzte Hans, der ahnte, was gleich geschehen würde. „Fahrzeuge im Besitz von Deltas oder gar Epsilons müssen eingezogen werden.“

„Davon weiß ich ja gar nichts?“ Der Alte sagte das mehr zu sich selbst als daß er dies als Frage stellte. Epsilon war er nicht, denn er klang ganz vernünftig, aber vermutlich ein Delta. Deshalb hatte er auch nicht von seinem Bankkonto überwiesen, denn das wäre aufgefallen. Ein schlauer Delta also, womöglich einer der wenigen Delta Drei.

„So etwas wird nicht veröffentlicht“, bedauerte Hans. Früher wäre das nicht möglich gewesen, da hätte jedes Autohaus sich bemüht, einen Stammkunden zu halten. Heute, dank der Bewirtschaftung, welche die Beschäftigung aller sicherte, gab es keine gegenseitige Konkurrenz mehr. „Ich muß leider auf Ihren Ausweis bestehen. Andernfalls muß ich Ihr Fahrzeug einbehalten.“

„Wie lange könnte ich meinen alten Astra denn noch fahren? So bei 5.000 Kilometer pro Jahr?“

„Oh, das Fahrzeug ist sehr gepflegt, keinerlei Rost – also fünf Jahre ganz sicher, mit Glück sogar zehn.“

„Ich habe mich so an ihn gewöhnt… Damals hatten die Autos noch Seele, nicht wie heute… Also gut.“ Er griff in sein Jackett und holte eine abgegriffene Brieftasche hervor. „Wenn es sein muß…“

Hans schluckte, als er den Ausweis sah. Von solchen Ausweisen hatte er bisher nur gehört, aber jetzt lag einer auf seinem Tisch! Der goldene Ausweis eines Alphas! Er hätte nie vermutet, daß ein Alpha so ein altes Auto steuerte – und auch noch persönlich in die Werkstatt brächte.

„Alpha… Mein Gott, Alpha NULL! Ich… ich dachte, das wäre nur ein Gerücht und Alpha Nulls gäbe es gar nicht!“

„Vermerken Sie Gamma Vier in Ihrer Datei…“ Der Alte zuckte mit der Schulter. „Da es wohl sein muß, betrachten Sie das als Befehl.“

„Ja, natürlich, Herr!“

„Es gibt sechs aktive Alpha Null in ganz Deutschland“, erklärte der Mann. „Interessiert Sie das etwa?“

„Sicher! Ich hätte nie gedacht, daß einer hier in Würzburg lebt… Eher in Berlin, Hamburg oder München…“

„Alpha Eins und Alpha Null können sich ihren Wohnort aussuchen. Verstehen Sie das Einstufungs-System oder soll ich Ihnen auch das erklären?“

„Bitte – ich kenne natürlich die Grundlagen, so mit Intelligenz und Kreativität, aber so richtig verstanden habe ich das nicht.“

Der Alte lächelte. „Ich erkläre das ganz gerne, schließlich überzeugt mich das, daß dieses System besser ist, als jenes, das es ersetzt. Vor dem Zusammenbruch hatten wir ein System der Zinsknechtschaft, in dem alles mit Geld gemessen wurde. Die Folge davon war Not und Arbeitslosigkeit auf der einen Seite, Reichtum und Verschwendung auf der anderen. Dies führte schließlich zum Zusammenbruch der Wirtschaft und Sozialordnung, aus dem sich der Bürgerkrieg entwickelte. Der Bürgerkrieg war insofern ein Segen, daß er die Herrscher der alten Ellbogengesellschaft ausgelöscht hat.“

„Darf ich Ihnen einen Kaffee bringen?“, fragte Hans, um den Redefluß weiter zu stimulieren.

„Ein Glas kaltes Wasser wäre mir lieber“, bat der Alte.

„Kommt sofort.“ Hans eilte, um möglichst schnell mehr zu erfahren.

„Man hatte die Politiker aufgehängt, aber zum Glück die meisten Professoren verschont. Die damaligen Wirtschaftsweisen aber… Doch ich schweife ab. Als über die Neuordnung der Gesellschaft beraten wurde, schlug man eine Einordnung der Bevölkerung nach der Intelligenz vor. Zwei Drittel der Bevölkerung besitzt einen Intelligenzquotient von 84 bis 116, diese stufte man in die Gruppe Gamma ein. Gammas sind die Muskeln der Gesellschaft, welche die Maschinen bedienen und die Nahrungsmittel anbauen. Für Gammas wird das Fernsehprogramm produziert, werden die Zeitungen geschrieben und die Kinofilme gedreht.

Darüber, im Bereich bis zum Intelligenzquotienten 145, ordnete man die Betas ein. Das sind die Techniker, der Macht und der Maschinen. Sie reparieren jene Maschinen, an welchen die Gammas arbeiten, sie sind gewissermaßen Treibstoff und Schmiermittel unserer Gesellschaft. Leider gibt es auch die Deltas, jene Leute, die zwischen 83 und 55 liegen. Für sie gibt es einfache Arbeiten, bei denen sie sich nicht selbst gefährden. So sind auch sie nützliche Glieder der Gesellschaft.

Die Epsilons, die unterste Stufe, empfahl man der staatlichen Fürsorge. Ebenso die Alphas, ganz nebenbei. Der Beta Zwei von gerade eben wohnt vermutlich in einer schönen Villa, ich habe nur eine Wohnung im Alphahaus. Im Gegensatz zu einem Epsilon bekomme ich jedoch Ausgang.“ Der Alte lachte leise. „Die Alphas sind das Gehirn der Gesellschaft.“

„Ja, der Kanzler, die Minister…“

„Nein!“ Jetzt lachte der Alte lauter. „Ja, gut, der erste Kanzler war ein Alpha Drei, aber heute gibt sich kein Alpha mehr dafür her. Für Kanzler, Finanz-, Wirtschafts- und Sozialminister schreiben wir Beta Drei vor, in anderen Positionen begnügen wir uns mit Gammas. Wir erzählen das natürlich nicht herum, und die Damen und Herren Minister werden sich hüten, das zu tun. Das Amt eines Politikers stellt keine hohen geistigen Anforderungen.

Nachdem wir die erste Einteilung fertig hatten, kamen wir auf das Thema Kreativität. Es dauerte sehr lange, bis wir uns endlich auf ein Maßsystem für Kreativität einigen konnten. Was versteht man unter wenigen Ideen, was sind gar keine Ideen? Schließlich beschloß man eine Abstufung von Eins bis Fünf, analog zur Intelligenzverteilung. Als nächstes kam man darauf, daß hohe Kreativität die Intelligenz ausgleichen könnte. Epsilon Eins und Zwei stufte man zu Delta Vier auf, Delta Eins zu Gamma Vier. Nur Epsilon und Delta gibt es mit Fünf, Gamma und Beta geht bis Vier, Alpha nur bis Drei. Gamma Eins wird Beta Vier, Beta Eins wird Alpha Drei. Die allerletzte Einstufung, die zu Alpha Null, erfolgte erst zwei Jahre nach den großen Reformen.“

„Sie gehören also zu den großen Erfindern?“, schmeichelte Hans, um auch wieder etwas zu sagen.

„Nein, ich bin Schriftsteller, mehr nicht. Dank meines Status’ als Alpha Null werde ich veröffentlicht, auch wenn diese Taschenbücher nicht sehr erfolgreich sind.“

„Aber… aber…“

Jetzt lachte der Alte breit und freundlich. „Die anderen Alphas sind die Erfinder, ich nicht. Ich lebe in meiner kleinen Wohnung und schreibe meine Bücher oder vertreibe mir anderweitig die Zeit. Ich arbeite nicht an Projekten.“

„Das verstehe ich jetzt aber nicht. Ich dachte, gerade ein Alpha Null sollte der Erfinder schlechthin sein?“

„Ich formuliere Ihre Frage so um, wie Sie es nicht wagen, sie zu stellen: Welche Berechtigung habe ich im Alphahaus? Nun, ich bin da. Wenn ein anderer Alpha mit einem Problem nicht weiter kommt, besucht er mich und wir besprechen sein Problem. Er erklärt es mir, ich frage nach, versuche das Problem zu verstehen. Häufig genug verstehe ich es nicht, aber das Problem ist trotzdem gelöst.“

„Wie bitte?“

„Ja, das ist das Wunder, das mir meine ruhige Existenz ermöglicht. Die jungen Leute werden so gezwungen, ihre Probleme neu zu durchdenken. Sie müssen ihre Probleme formulieren, das reicht in sehr vielen Fällen aus.“

„Das klingt, als würde das jeder können.“

Der Alte nickte mit verschwörerischem Gesicht. „Ja, das kann im Prinzip jeder. Aber ich bin ein Alpha Null – ich darf so dumm fragen, wie ich will, der Ratsuchende muß antworten. Bei anderen würde er diese anbrüllen und für unfähig erklären. Mir gegenüber passiert das sehr selten.“

„Sind die Alphas eigentlich alle Männer?“

„Die meisten, ja. Hohe Intelligenz ist auch nur ein Gendefekt und Gendefekte treten häufiger bei Männern auf, bei Frauen werden sie meistens kompensiert.“

„Aber Sie… Haben Sie nie eigene Projekte bearbeitet?“

„Das wäre nicht effizient. Hätte ich ein eigenes Projekt, wäre mein Kopf nicht frei. Vermutlich würde ich viele Leute in mein Projekt einspannen und so deren Projekte behindern… Deshalb vermeiden es alle Alpha Null, eigene Projekte durchzuführen. Jedoch habe ich an acht von zehn Projekten unseres Alpha-Hauses mitgewirkt. Und ja, zu mir kommen auch Alphas von anderen Häusern. Ich habe jeden Abend von 20:00 Uhr bis 24:00 Uhr Sprechstunde, wo ich über Videokonferenz erreichbar bin. Aber auch ich kann nicht immer helfen. Dann befragt der Betreffende einen anderen Alpha Null, oder er wendet sich an die Versammlung, die wir einmal in der Woche abhalten.“

„Danke, jetzt kann ich mir vorstellen, was Sie tun. Könnten Sie mir noch erklären, wieso die Gesellschaft jetzt besser funktioniert als früher? Ich meine, ich war auch vor dem großen Umbruch schon Automechaniker. Ich spüre zwar die Auswirkungen, aber ich begreife nicht, wieso es besser läuft.“

„Aber Sie glauben, daß es besser läuft als früher?“

„Ja.“

„Früher mußten Sie nach der Grundschule entscheiden, ob Sie auf das Gymnasium wechseln oder auf die Realschule oder eben auf die Hauptschule. Ihre Eltern wollten den besten Schulabschluß, folglich haben sie ihre Kinder durch die Schule geprügelt. Sie haben Kfz-Mechaniker gelernt, dann kam wieder die Entscheidung auf Sie zu: machen Sie Ihren Meister, bleiben Sie angestellt, werden Sie selbständig, oder studieren Sie doch noch Maschinenbau?

Heute erhalten Sie die Gamma-Einstufung und wissen, welchen Schul-Abschluß Sie erhalten werden. Die Lehrer erhalten mehr Freiheit, Ihnen mehr beizubringen, als sie einst im starren Schulsystem hatten. Als Kfz-Mechaniker bleibt Ihnen immer noch die Wahl zwischen Werkstatt und Verkauf, außerdem steht Ihnen der Weg zum Meister offen. Als Meister sind Sie weiterhin angestellt, wobei Sie in jedem Betrieb das Gleiche verdienen. Statt immer neue Möglichkeiten zu suchen, konzentrieren Sie Ihre Energie auf den erwählten Beruf. Sie brauchen nicht mit dem Schicksal zu hadern, weil Ihr Schulkollege mehr Glück hatte. Es ist die Freiheit in der Beschränkung, die Ihnen die neue Ordnung bietet.

Außerdem besetzen wir heute öffentliche Posten nach Fähigkeit, nicht nach Parteibuch. Wenn man sich vor Ort nicht auf den Kandidaten einigen kann, befragt man ein Alphahaus in einer weit entfernten Stadt. Dieser Spruch ist dann verbindlich. Die Gesellschaft löst ihre Probleme nach dem gleichen Prinzip, das wir im Alphahaus anwenden: sie läßt einen unwissenden Experten entscheiden.

Es gibt noch etwas, aber das läßt sich nicht mit wenigen Worten erklären. Das Geld hat heute eine andere Funktion als vor dem Umbruch. Es ist zum reinen Tauschmittel geworden, nicht mehr Schatz- und Zinsmittel wie einst. Deshalb können Sie Geld nicht mehr ansammeln. Das war die schwierigste Reform von allen.“

Hans erinnerte sich noch an früher, als das Privateigentum Besitz und nicht nur Nutzung bedeutete. Er hatte damals eine Wohnung gehabt, die einer Witwe gehörte. Diese hatte ihm regelmäßig die Miete erhöht, um mehr Geld mit ihren jungen Liebhabern verjubeln zu können. Damals hatte er in zwei Bausparverträge einbezahlt und gehofft, damit einmal eine eigene Wohnung zu erwerben. Heute war das nicht mehr möglich, alle Wohnungen gehörten dem Staat. Die Miete wurde von seinem Gehalt einbehalten.

„Oh, die Entscheidung, ein Konto jeden Monat bis zum vollen Gehalt aufzufüllen, war noch leicht“, fuhr der Alte fort. „Auch das Bargeld am Ende des Jahres für ungültig zu erklären und durch eine neue Serie zu ersetzen, bereitete keine Probleme. Aber wie sollten wir die Leute motivieren? Wer 2.000 Mark verdiente, hatte zu Beginn seines Arbeitsmonats 2.000 Mark auf dem Konto, egal ob es am Tag zuvor völlig leer war oder ob noch 1.650 Mark drauf gelegen waren. Erst als wir auf das Schattenkonto kamen, ließ sich das Problem lösen.“

Das Schattenkonto! Hans hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, aber dazu hatte er Jahre gebraucht. Geld, das nicht auf sein Girokonto floß, weil dieses noch im Plus stand, floß auf das Schattenkonto. Auf dieses Schattenkonto konnte er Schecks ausstellen, um größere Anschaffungen zu tätigen. Meistens fuhr er damit in den Urlaub. Ein Kollege von ihm hatte sein Schattenkonto ständig überzogen, was dazu führte, daß er nicht mehr sein volles Gehalt erhielt, um mit dem einbehaltenen Betrag sein Schattenkonto auszugleichen. So entging er der Vermögenssteuer, die auf Beträge erhoben wurde, die länger als ein Jahr auf dem Schattenkonto lagen. Junge Familien bezahlten mit dem Schattenkonto ihre Wohnungseinrichtung. Nur Autos, für die einst viel Geld ausgegeben wurde, ließen sich damit nicht kaufen, die gab es nur zur Miete.

„Verdient man viel als Alpha Null?“

„Alphas bekommen kein Gehalt. Wir bekommen im Alphahaus alles, was wir wollen. Wenn mir mein Bett nicht mehr gefällt, gehe ich zur Hausverwaltung und lasse es auswechseln. Was ich essen will, kann ich bestellen – oder mir die Lebensmittel bringen lassen, um sie selbst zuzubereiten. Wenn ich Geld brauche, gehe ich zur Hausverwaltung und lasse es mir auszahlen. Was ich nicht brauche, gebe ich dort wieder ab. Klingt nach Schlaraffenland, meinen Sie?

Das Schlaraffenland hat Einschränkungen. Falls ich anfangen würde, Hunderte von Schuhen zu sammeln, würde man mir schließlich psychologische Hilfe anbieten. Was ich brauche, bekomme ich jederzeit, deshalb hat es keinen Sinn, irgend etwas zu horten. Der durchschnittliche Alpha gibt im Monat keine 1.000 Mark aus. Sie können in den Urlaub fahren, wohin Sie wollen, ich muß mich auf die Ferieneinrichtungen der Alphahäuser beschränken. Es ist ein goldener Käfig, in dem ich lebe, aber ein angenehmer Käfig.

Auch das haben wir von früher gelernt: Wer an der Spitze steht und vom Volk alles bekommt, der muß sich einschränken und sein Leben als Dienst am Volk begreifen.“

„Was ist mit den Gesetzen? Wer macht die?“

„Nach wie vor das Parlament. Es gibt aber zwei Alphahäuser, welche Gesetze begutachten und die Entwürfe nachbessern. Schließlich sind nicht alle Alphas Naturwissenschaftler und Ingenieure, wie wir hier in Würzburg. Gelegentlich hat schon jemand aus diesen Häusern meine Hilfe gesucht… Und ja, wir können unser Veto einlegen, wenn wir ein Gesetz für völlig unpassend halten.“

Hans überlegte sich eine neue Frage. „Sind wir nicht heute eine kommunistische Gesellschaft? Aber die haben doch nie funktioniert?“

„Ja – auf beide Fragen. Doch anders als in jenen früheren Ländern haben wir Staat und Macht strikt getrennt. Die Alphas kontrollieren den Staat, besitzen aber keinerlei wirkliche Macht. Die Betas halten den Staat am Laufen, sie sorgen für die Durchführung aller Gesetze, aber sie erlassen diese nicht. Die vom Volk gewählte Regierung besitzt die Macht, aber sie kann sie nicht ausüben. Niemand kann seine Macht oder seinen Status vererben, denn alle Kinder werden klassifiziert und gemäß dieser Klassifizierung leben.

Die kommunistischen Länder haben immer die Gleichheit aller Menschen betont, wir betonen die Verschiedenheit. Einst hat sich Leistung im Kommunismus für niemanden gelohnt, bei uns lohnt sie sich, trotz staatlicher Anstellung. Ihr Gehalt hängt von Ihrer Leistung ab. Ein Gamma Vier Arbeiter bekommt durch Überstunden ein Gehalt wie ein Beta Zwei Professor. Gut, er hat dann eine 80-Stunden-Woche, aber vor dem Umbruch hätte selbst eine 168-Stunden-Woche nicht ausgereicht. Und jede Gehaltszahlung wird bei der Rentenberechnung berücksichtigt, das heißt, Mehrarbeit in der Jugend lohnt sich bis ins höchste Alter.

So, ich glaube, das ist für heute genug Information zum Verarbeiten. Nächstes Jahr komme ich wieder, schließlich möchte ich mein Auto noch einige Zeit fahren.“

„Ja, Herr, danke sehr. Sollte ich Sie einmal in der Stadt treffen…“

„…grüßen Sie freundlich, aber bitte nicht unterwürfig. Wenn Sie mich nicht als Alpha Null bloßstellen, lade ich Sie auch gerne mal auf ein Bier ein. Oder auch auf zwei – mehr darf ich leider nicht trinken, schließlich habe ich abends Sprechstunde.“